Er wurde im rheinischen Opladen, heute Stadtteil von Leverkusen, Regierungsbezirk Köln, als mittlerer von drei Brüdern in eine katholische Handwerkerfamilie geboren. Der Vater Josef Becker (1907–1984) stammte aus Opladen und war Brennermeister in einer Schnapsbrennerei im Leverkusener Stadtteil Bergisch Neukirchen, die Mutter Anna, Hausfrau, geb. Maag (1911–2002), kam aus Cobbenrode im Hochsauerlandkreis, NRW. Bruder Heinz (*1938) war nach einer Schumacherlehre 40 Jahre als Meister in einer Schuhfabrik in Langenfeld (NRW) tätig. Der Jüngste Wilfried (*1943), gelernter Schriftsetzer, arbeitete nach seinem Studium der Grafik, Fotografie und Kunstgeschichte viele Jahre als Grafik-Designer und Werbeleiter in zwei namhaften Münchner Buchverlagen.
Als Jugendlicher spielte der talentierte Fußballer Heribert Becker als Mittelfeldspieler beim SSV Lützenkirchen in der C- und B-Jugend und gab ein kurzes Gastspiel in der Reservemannschaft von Bayer 04 Leverkusen. Er blieb dem Werksverein, der zur Freude Beckers 2024 seinen ersten deutschen Meistertitel erringen konnte, treu und darüber hinaus auch dem Fußballsport ein Leben lang in kritischer Distanz verbunden.
In den folgenden Jahrzehnten werden sich seine sportliche Aktivitäten auf ausgedehnte Wanderungen, mit den Brüdern in Bayern sowie mit Freunden in seiner rheinischen Heimat und der nahegelegenen Eifel, beschränken.
In der Domstadt lernte er Silvester 1977 seine Lebensgefährtin, die 1943 in Danzig geborene, in Dresden und später Bayern aufgewachsene Erzieherin, Musiklehrerin und Flötistin Edith Huber kennen. Mit ihr wird er mehr als 30 Jahre im studentisch-akademisch geprägten Stadtteil Köln-Sülz »in wilder Ehe«, wie er immer wieder gerne betonte, zusammenleben. Sie stirbt im März 2011 im Alter von nur 67 Jahren. Er widmete ihr 2019 sein Buch Der Surrealismus in Belgien.
Zwischen 1973 und 77 war er als freie Lehrkraft an Gymnasien im Umland der Domstadt tätig, zeitweise auch im Nebenerwerb als Nachtredakteur und Fahrer für den WDR, wo ihm »viele Prominente über den Weg liefen« (H. Becker). Zeitgleich begann er sein freiberufliches Schaffen, vorwiegend als Autor von Vor- und Nachwörtern seiner Bücher und Herausgeber mehrerer Anthologien. Darüber hinaus verfasste er zahlreicher Beiträge für Zeitschriften aus dem In- und Ausland sowie Lyrik- und Prosaübersetzungen, vorwiegend aus dem Französischen, später auch aus dem Arabischen, Englischen und Tschechischen. Für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten im deutschsprachigen Raum entstanden zahlreiche Radio-Features.
In den Jahren 1978 und 1993 war Heribert Becker Ko-Organisator zweier bedeutender Ausstellungen am Kunstmuseum Bochum sowie einer weiteren im Haus Kemrade im Hattinger Stadtteil Blankenstein, Ennepe-Ruhr-Kreis, NRW:
Die in Montréal geborene franko-kanadische Malerin, Zeichnerin und Objektkünstlerin Mimi Parent, die seit 1948 mit ihrem Lebensgefährten, dem Künstler Jean Benoît in Paris lebte, stellte nur selten aus. Das lag »in der […] Abneigung der Malerin [begründet], sich auf die oft abstoßenden und entwürdigenden Mechanismen des bürgerlichen Kunstbetriebs einzulassen« (H. Becker). Er hatte die Künstlerin anlässlich der Imagination-Ausstellung kennengelernt und mit ihr bis zu ihrem Tod eine intensive Brieffreundschaft gepflegt. So konnte er sie zu ihrer ersten Einzelausstellung auf deutschem Boden in der Außenstelle des Bochumer Museums im idyllischen Haus Kemnade überreden, auf der sie mit 58 Arbeiten vertreten war. Als Ko-Organisator war Becker mit Übersetzungen von José Pierre (1927–1999), André Breton ↓, Milan Nápravník ↓ und Annie Le Brun im dünnen Ausstellungskatalog (18 Abb., teilw. schwarz-weiß) vertreten. 2001 war sie Preisträgerin der Woldemar-Winkler-Stiftung ↓ in Gütersloh. Becker war für die Konzeption und die Texte des kleinen Katalogs verantwortlich.
Heribert Becker unternahm in seiner Studienzeit bis Ende der 1990er Jahre zahlreiche Auslandsreisen, nicht selten mit dem eigenen Auto. So besuchte er während des Studiums Norwegen, Schweden und Italien (Toscana), ab 1980 Schottland, die damalige Sowjetunion, Kenia und die USA (New York City). Im Jahr 1987 bereiste er Mexiko (Rundreise) und Ozeanien (Fidji, Neuseeland, Cook-Inseln).
Von der Mexiko-Reise sei Becker nach Aussage seiner Lebensgefährtin »als ein anderer Mensch zurückgekommen« (»Das surrealistische Land par excelence« Breton), auch Schottland, das er 1988 besuchte, wurde für ihn zum Sehnsuchtsort, er »zog diesen der Südsee vor« (H. Becker), ganz im Gegensatz zu seinem Pariser Mentor Breton.
Paris blieb er darüber hinaus zeitlebens verbunden und besuchte die französische Hauptstadt bis in die späten 1990er Jahre häufig. Einen letzten Reisewunsch, ein Besuch der schottischen Hebriden, konnte er sich nicht mehr erfüllen. (s.a. Diverses)
Nicht nur von seinen Reisen brachte Heribert Becker zahlreiche Gemälde, Grafiken, Skulpturen sowie eine Vielzahl von Büchern und Bildbänden mit in seine Kölner Wohnung in der Euskirchener Straße. Hier bildeten sie über die Jahre eine kleine und feine Kunstsammlung und umfangreiche Bibliothek. Auch eine Vielzahl ethnologischer Kunstobjekte aus Südamerika, Ozeanien und Afrika waren Teil seiner Privatgalerie (u.a. Makonde-Skulpturen, Akuaba-Puppen und diverse Masken). Neben Werken von Mimi Parent ↑, Jean Benoît, Woldemar Winkler ↓, Egon Günter (*1953) ↓, Karina Raeck (*1938), Rik Lina (*1942) ↓, Frieder Schellhase und Louis Pons (1927–2021) waren auch Arbeiten vieler südamerikanischer Künstler und Tschechen (Milan Nápravník ↓, Ladislav Novak, Alois Nožicka, Jan Švankmajer und Mikuláš Medek) Bestandteil der Sammlung. Viele der Künstler und Künstlerinnen lernte er im Rahmen seiner Bochumer Ausstellungen kennen.
Der laut Schenkungsvertrag 500 Titel umfassende surrealistische Teil seines Buchbestands sollte vor seinem Umzug nach Ehrenfeld in die Sammlung des Max Ernst Museums des LVR in Brühl vor den Toren Kölns Einzug halten. Er musste aber aus Kapazitätsgründen mit Einwilligung des Autors in die Bibliothek im LVR-Landesmuseum Bonn ausweichen.
Becker hatte in der Funktion eines wissenschaftlichen Assistenten natürlich nur geringen Anteil an der Inszenierung selbst. Trotzdem prägte ihn dieses Jahr nachhaltig und inspiriert ihn zur Beschäftigung mit dem Werk Arrabals und dessen Übersetzung in den folgenden Jahren.
Wollte man Heribert Beckers Unwillen auf sich ziehen, musste man André Breton lediglich als »Papst des Surrealismus« bezeichnen, unverzeihlich in den Augen des Rheinländers. Ohne Dogmatiker zu sein hörte der Spaß hier für ihn auf, auch wenn er nicht mit allen Präferenzen Bretons konform war: Dessen Hinwendung zum Okkultismus und Mystizismus besonders in den späteren Jahren, blieb Becker stets fremd, er war kein spiritueller Mensch. Als bekennender Surrealist publizierte er natürlich auch Texte des Vordenkers der Bewegung (Dessen frühe Mitstreiter Louis Aragon, Philippe Soupault und Paul Éluard waren ja früh abtrünnig ins stalinistische bzw. antikommunistische Abseits geraten und somit für Becker nicht von Interesse).
»Le Mur de l'Atelier André Breton«,
Rekonstruktion im Museum Pompidou in Paris
2003 schloss er sich den Protesten gegen die Auflösung der Sammlung Bretons an. Dessen Privatmuseum in seiner ehemaligen Wohnung im 4. Stock des Hinterhauses der Rue Fontaine 42 [2] (9. Arrondissement), sollte unter den Hammer kommen. In diesem Haus hatte er mit Unterbrechungen ab 1922 bis zu seinem Tode 1966 gelebt. Die Objekte – 5.500 Exponate im Schätzwert von 30–40 Millionen Euro – wurden ab dem 1. April größtenteils versteigert (Calmels Cohen) und von Museen und Privatsammlungen weltweit erworben. Die verbliebenen Dokumente und Kunstgegenstände fanden in der von der Tochter Aube Elléouët (*1935) geleiteten Association Atelier André Breton (Archiv Breton) eingang. Zuvor waren seine Briefwechsel testamentarisch bereits in den Bestand der Fondation Doucet gewechselt, heute Musée Angladon in Avignon. Nicht nur für Becker bedeutete dieser Vorgang »die endgültige Beerdigung André Bretons«. Die Regierung Jacques Chiracs hatte es abgelehnt, die Hinterlassenschaft des ungeliebten Sohnes unter ihren Schutz zu stellen und die Sammlung zusammenzuhalten, beispielsweise in Form einer Stiftung.
2008 gab Heribert Becker dann späte Texte Bretons aus den Jahren 1952–1965 in deutscher Übersetzung mit dem Titel Bindestrich heraus, 2013 gefolgt von Pont Neuf, einer Zusammenstellung von Schriften aus den Jahren 1945–1954, die beide bei Rimbaud ↓ in Aachen erschienen. (s.a. Unveröffentlichtes)
Leonora Carrington ↑
Studio von Leonora Carrington in Mexiko-Stadt
1982 übersetzte Heribert Becker für den Frankfurter Qumran Verlag mit dem Band Die ovale Dame, Erzählungen den ersten von vier Titeln der britisch-mexikanischen Künstlerin Leonora Carrington aus dem Englischen ins Deutsche. Sie hatte ihre Texte teilweise auch »in einem bizarren Französisch« (H. Becker) und Spanisch (in ihrer Zeit in Mexiko) verfasst und bereits früh eine Leidenschaft für irische Märchen und die keltische Mythologie entwickelt. Besonders für ihr erzählerisches Werk begeisterte er sich zeitlebens »und war von dessen Qualität überzeugt« (H. Becker).
Leonora Carrington, um 1945
Es folgten Ein Flanellnachthemd. Theaterstücke (Qumran, 1985), Das Haus der Angst. Erzählungen (Suhrkamp, 2008) und zuletzt Die Windsbraut. Bizarre Geschichten (Nautilus, 2010, m. Elaine Charwat, auch als E-Book) sowie im April 1997 ein Radio-Feature beim SWF über die vielseitige Künstlerin (Das Begräbnis der Patriarchen: Die geheimnisvolle Welt der Leonora Carrington zu ihrem 80. Geburtstag). Besonders an einer Neuauflage der Theaterstücke von 1985 war Becker sehr interessiert: Der Titel ist seit langem auch antiquarisch vergriffen, das Interesse an der Künstlerin nach wie vor groß. Aber dazu kam es nicht mehr.
Für eine Oper über Carrington (The Baa-Lambs Holiday, 1940 [Bählamms Fest], Musiktheater in 13 Bildern) hat Elfriede Jelinek 1999 für die Wiener Festwochen das Libretto angefertigt, dass auf einer Übersetzung Beckers basierte. Die Künstlerin hatte das Stück 1939 kurz nach Beginn des 2. Weltkriegs während der Inhaftierung ihres damaligen Lebensgefährten Max Ernst in Frankreich verfasst.
Lange Zeit bemühte er sich zudem, die Rechte für eine Gesamtausgabe des schriftstellerischen Werks Carringtons zu erhalten, scheiterte aber besonders an den, Beckers Meinung nach »überhöhten Copyright-Forderungen ihres New Yorker Agenten« (H. Becker).
Auch in der Berliner Kunstzeitschrift Herzattacke hatte er zwischen 1996 und 98 mehre Texte von Carrington publiziert.
Becker berichtete mehrfach von einer Fastbegegnung mit der Künstlerin: Vor seinem New-York-Besuch 1986 habe er von Édouard Jaguer, Mitglied der Pariser Surrealistengruppe, ihre Adresse erhalten. In der Metropole angekommen, habe er an ihrer Haustür geklingelt, sie aber nicht angetroffen: Sie sei zu diesem Zeitpunkt nicht in der Stadt gewesen. Erst kurz zuvor war sie vor einem Erdbeben in Mexiko-Stadt in die USA geflüchtet. Ein späterer Versuch, sie auf dem Postweg zu kontaktieren, blieb zu Beckers Bedauern ohne Erwiederung. (s.a. Unveröffentlichtes)
Benjamin Péret ↑
Benjamin Péret um 1950
Auch der französische Lyriker und Schriftsteller Benjamin Péret genoss hohes Ansehen bei Heribert Becker, seinen Arbeiten widmete er sich ebenfalls ausgiebig. »Ich gäbe das gesamte Werk Paul Éluards für ein einziges Gedicht von Péret!« äußerte Philippe Soupault einmal, Heribert Becker hätte dies sicher so unterschrieben.
1985 übertrug er Prosa, Lyrik und Briefe Pérets mit dem Titel Die Schande der Dichter (Le Déshonneur des poètes, 1945) ins Deutsche. Mit diesem Text hatte Péret sich den Zorn des stalinistischen Establishments in Frankreich (u.a. Aragon und Éluard) auf sich gezogen und ihn zeitweise isoliert. Es folgten 1988 die surrealistischen Erzählungen Als die grüne Minna vorbeifuhr und 1994 Der Mond der Záparo. Mythen und Märchen Amerikas. Alle Titel wurden in der Edition Nautilus in Hamburg veröffentlicht. Zwischen 1988 und 99 war das dichteriche Werk Pérets Thema mehrerer Radio-Features.
2010 erschien der zweisprachige Gedichtband Ich esse nicht von diesem Brot / Je ne mange pas de ce pain-là im Berliner Karin Kramer Verlag. Der Band enthält eine Kleine Umfrage (anlässlich der deutschen Veröffentlichung) zu diesem Werk in deutscher Sprache, gerichtet u.a. an José Pierre, Claude Courtot (*1939), Bernd Straub-Molitor (*1954), Rik Lina ↓und Fernando Arrabal ↑. Eine französische Fassung wurde im selben Jahr von Becker bei Éditions Syllepse in Paris publiziert. (s.a. Unveröffentlichtes)
In Ihrer Besprechung der René-Magritte-Ausstellung in Düsseldorf kommt nicht ein einziges Mal das Wort »Surrealismus« vor. Dabei ist Magritte ohne den Surrealismus gar nicht denkbar – oder umgekehrt. Es ist, als rede man vom Papst und ließe unerwähnt, daß er Christ ist. Unwissenheit oder Absicht?
Heribert Becker i. e. Leserbrief a. d. Kölner Stadt-Anzeiger v. 27.11.96
Jacques Prévert ↑
Adolf Hoffmeister: Zeichnung
Jacques Prévert, 1960
Mit Jacques Prévert verband Heribert Becker nicht nur die Lust auf den blauen Nikotindunst (er war bis zu seinem Sturz im April 2023 und den darauf folgenden Krankenhausaufenthalten starker Raucher), sondern auch dessen »politisch motivierte Gedichte gegen Militarismus, die katholische Kirchenlehre und bürgerliche Konventionen« (Wikipedia). Damit rannte er bei Becker offene Türen ein, hier waren sie Seelenverwandte. Auch die Volksnähe seiner Poesie, die sich besonders in zahlreichen Chansons des Autors wiederfindet, beeindruckte ihn.
Wenig interessiert war er dagegen an Préverts filmischem Schaffen als Drehbuchautor. Mit dem Medium Film fremdelte Becker ohnehin zeitlebens, Bilder mussten für ihn nicht bewegt sein. Ausnahmen: Die frühen Filme Luis Buñuels und die Animationsfilme des Tschechen Jan Švankmajer.
1981 gab er bei Qumran in Frankfurt seine Übersetzung des 60-seitigen Unterhaltungsromans Jacques Préverts Befehlsverweigerung heraus. Die ersten 50 Exemplare wurden in einer nummerierten Edition veröffentlicht. Im selben Jahr erschien in der Edition Tiamat in Nürnberg seine Übersetzung Rebellen, Prosa, Szenen, Verse, 1983 Der Skandal des Glücks, Gedichte bei Heyne in München.
Im Jahr 1971 verlegte der Éditeur Maeght in Paris Préverts Fêtes, ein Prosagedicht, in dem er das Werk Alexander Calders, dem Erfinder der Mobile, würdigte. Diesen Text übertrug Becker 1982 unter dem Titel Feste ins Deutsche (Galerie Maeght, Zürich). Seine letzte Übersetzung Préverts, der Gedichtband Das sanfte gefährliche Antlitz der Liebe gelangte 1991 durch den Berliner Karin Kramer Verlag ↓in den Buchhandel. (s.a. Unveröffentlichtes)
Das surrealistische Gedicht ↑
Foto: P. Schneider-Rabel
Im Jahre 1985 veröffentlichte Becker gemeinsam mit dem tschechischen Publizisten Petr Král und dem französischen Kunsttheoretiker und Gründer der Künstlervereinigung Phases (Paris, Brüssel, 1952–2008), Édouard Jaguer die vielbeachtete Anthologie Das surrealistische Gedicht im Frankfurter Zweitausendeins Verlag. Die Idee hierzu war nach der Bochumer Ausstellung Imagination 1978 entstanden und ürsprünglich als zweiter Katalogband geplant.
Der zuletzt über 1.800 Seiten umfassende nur 12 mal 9 mal 6 Zentimeter große Band (Becker: »Kleiner Ziegelstein«) wurde seine kommerziell erfolgreichste Veröffentlichung. Das in rotglänzendem Leinen gebundene, mit rotem Farbschnitt, Vorsatzpapier und zwei Lesebändchen versehene Buch erfuhr im Jahr 2000 eine um 40 Autoren und Autorinnen erweiterte 2. Auflage, im Jahr darauf eine weitere überarbeitete Fassung, 2005 eine Vierte. Die Anthologie enthält neben Gedichten von Breton ↑, Carrington ↑, Péret ↑, Prévert ↑ und den Rosemonts ↑ über 200 weitere von Autoren aus Europa, dem amerikanischen Kontinent sowie Japan. Jeder Beteiligte wird mit einer Kurzbiografie eingeführt, ergänzt durch individuelle Bibliografien am Buchende.
Ein entsprechendes literarisches Pendant, Die surrealistische Erzählung, blieb unvollendet (Übers.: Becker, Lydia Babilas, Fritz Rudolf Fries, Gerda Schattenberg u.a.). Auf 225 Seiten hatte er bereits entsprechendes Material zusammengetragen und einem Verlag angeboten, ohne Erfolg. Der Band sollte im selben Format komplementär ganz in Grün erscheinen. Er hätte diesen Titel der verstorbenen Mimi Parent ↑ gewidmet.
Das heiße Raubtier Liebe ↑
Ein weiteres, nicht nur visuell-haptisches Glanzlicht in seinem Œuvre, stellt die Anthologie Das heiße Raubtier Liebe dar. Das in karminroten Samt gebundene, 1998 bei Prestel in München und New York erschienene 128-seitige Buch trägt den Untertitel Erotik und Surrealismus und besticht durch seine wunderbaren Illustrationen (Man Ray, Hans Bellmer, Salvador Dalí, Paul Delvaux, Wifredo Lam, Jean Benoît, Clovis Trouille u.a.) und die erlesene Textauswahl u.a. von Prévert ↑, Cabanel, Pierre, Éluard, Breton ↑ und Desnos. Auch das gelungene Layout muss man an dieser Stelle erwähnen.
Trotz alledem erwies sich der Band aus Verlagssicht eher als Misserfolg. Für Heribert Becker war er aber ein wichtiges Projekt, zumal sich das Buchthema wie ein roter Faden durch sein bibliografisches Werk zog (Geteilte Nächte; Die Allmacht der Begierde; Der Engländer; Die Leidenschaft ist die Vernunft etc.).
Geteilte Nächte ↑
Erneut im roten Einband aber deutlich bescheidener im Auftreten kommt 1990 bei Nautilus ↓ in Hamburg Geteilte Nächte – Erotiken des Surrealismus in den Buchhandel. Das nicht einmal 100 Seiten umfassende Paperback-Bändchen enthält viele Schwarz-Weiß-Abbildungen (Ernst, Freddie, Toyen, Trouille, Bellmer, Graverol u.a.) sowie erotische Texte u.a. der Surrealisten der ersten Stunde (Breton ↑, Aragon, Soupault, Éluard, Péret ↑, Desnos u.v.a.). Diese Anthologie erscheint bis 2007 in 4. Auflage und wird zu einem Erfolg für Heribert Becker und für Nautilus ↓: »Die Erotiken des Surrealismus führen vor Augen, was man beinahe schon vergessen hatte: Der ganze Surrealismus war eine einzige Kunst der Erotik« formuliert hierzu die Süddeutsche Zeitung.
Milan Nápravník ↑
Milan Nápravník 1957
Die Vorbereitung der Ausstellung Imagination ↑ im Kunstmuseum Bochum ↑ 1978 brachte Heribert Becker mit dem noch im August 1968 aus der damaligen CSSR geflüchteten Maler, Fotografen und Lyriker Milan Nápravník ↑in engeren Kontakt. Dieser hatte in Prag Film- und Fernsehwissenschaften (FAMU=Filmová a televizní fakulta Akade-mie múzických umení) studiert und promoviert, den erworbenen Doktortitel aber nie verwendet. Nápravník war bis 1966 Mitglied der verbotenen Prager Surrealistengruppe (Skupiny surrealistu v CSR) und hatte großen Einfluss auf die weitere surrealistische Sozialisation Beckers, wie dieser später immer wieder betonen wird. Sie waren sich bereits kurz nach seiner Flucht erstmalig begegnet. Nach Zwischenstopp in Paris, lebte er ab 1970 in der Kölner Südstadt, später im Stadtteil Niehl in einer ehemaligen Volksschule. Diese hatte ihm der damalige Kulturdezernent Kurt Hackenberg zur Verfügung gestellt, mit dem Nápravnik ebenfalls befreundet war. Hier wohnte er gemeinsam mit seiner indonesisch-stämmigen Ehefrau Doddy The-Nápravník, die sich nach seinem Tod im niederländischen Deventer niederläßt.
Der Wille zur Nacht, 1980
Becker und Nápravník, der ab 1970 zeitweise für die Deutsche Welle und später den Deutschlandfunk arbeitete (beide im Süden Kölns ansässig), waren von Beginn an »Brüder im Geiste« (H. Becker) und unternahmen gemeinsam viele Reisen (Paris, Brüssel, Amsterdam, Heidelberg, Karlsruhe u.a.) und besuchten Künstler und Künstlerinnen für die geplante Ausstellung in Bochum.
Auf einer Silvesterfeier bei dem Tschechen lernte Becker 1977 seine Lebensgefährtin kennen. Für den Rheinländer war Nápravník das, »was man einen Geheimniskrämer nennt. Wie ein Verschwörer hat er stets vieles für sich behalten« (H. Becker). Der hatte eine starke Affinität zum Okkulten, was immer wieder zu Verstimmungen zwischen ihnen führte und war Mitglied in einer Freimaurerloge, wovon Becker erst lange nach Nápravníks Tod erfuhr.
1980 übersetzte er erstmals eine Auswahl von Nápravníks Gedichten mit dem Titel Der Wille zur Nacht (LCB-Editionen, Berlin) ins Deutsche. Der Tscheche unterstütze im Gegenzug Heribert Becker bei der Übersetzung tschechischer Surrealisten für die Lyrik-Anthologie Aus den Kasematten des Schlafs (Heyne, München) im selben Jahr. Es folgte 2006 die Publikation von Nápravníks Surrealistischen Protokollen: Am Ufer im Berliner Karin Kramer Verlag ↓. Den Titel hatten sie bereits vor der Jahrtausenwende in Beckers Muttersprache übertragen.
Milan Nápravník war 1997 der erste Woldemar-Winkler-Preisträger der gleichnamigen Gütersloher Stiftung. Darüber hinaus ist er in den Anthologien Das surrealistische Gedicht (Traumbilder) als auch in Das heiße Raubtier Liebe (Assimilation) mit Gedichten vertreten. Ende 2001 überwarf sich Becker mit dem in einer Kölner SPD-Ortsgruppe aktiven Künstler, sie fanden nicht wieder zusammen. Im Oktober 2017 starb Milan Nápravník in Köln.
Miloš Forman hat diese Gleichung für die Filme seines Landsmannes (Jan Švankmajer [*1934]) erfunden:
Buñuel + Disney = Švankmajer.
Heribert Becker i. Infosurr No 165: Jan Švankmajer (Histoires non naturelles), 9. Febr. 2024
Khalid Al-Maaly ↑
Khalid Al-Maaly um 2000
Mitte der 1990er Jahre begann die hochproduktive, aber auch recht schwierige Zusammenarbeit von Becker und dem Schriftsteller und Verleger Khalid Al-Maaly. Dieser wurde 1956 in as-Samawa im Irak geboren. Nach der Flucht aus seiner Heimat vor den Schergen Saddam Husseins, kam er 1980 als politscher Flüchtling nach Deutschland und ist seit 1993 deutscher Staatsbürger. Danach lebte er bis 2008 in Köln, bevor er ins libanesische Beirut zog und dort den Verlag Manschurat al-Djamal ins Leben rief.
...und brenne flammenlos,
2012
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Die Flügel meines
schweren Herzens, 2017 |
Die kommenden Jahre übertragen sie gemeinsam Lyrik und Prosa aus dem Nahen Osten ins Deutsche, was ein Problem darstellte: Becker sprach kein Wort Arabisch. Khalid Al-Maaly sprach inzwischen zwar recht gut Deutsch, war aber kein Muttersprachler. Die Lösung: Da der Deutsch-Iraker sehr gut Französisch spricht, übersetzte er schwierigere Passagen in diese Sprache und Becker diese aus dem Französischen ins Deutsche, ein langwieriger Produktionsprozess. In vereinzelten Fällen nahmen sie auch Hilfe aus Beckers französischem Freundeskreis in Anspruch. So pendelte Heribert Becker über mehrere Jahre regelmäßig zwischen den Stadtteilen Sülz und dem auf der östlichen Rheinseite (Schäl Sick) gelegenen Köln-Deutz, wo Al-Maaly mit seiner Familie in Rheinnähe lebte.
Es entstehen ein Dutzend Übersetzungen der Gedichte von Khalid Al-Maaly selbst (1997, 2012, 2015), des Irakers Fadhil al-Azzawides und des libanesischen Lyrikers Unsi al-Hadjs (1998), die Anthologie Arabische Lyrik seit 1945 (2000), Gedichte Abdulwahab al-Bayyatis (Irak, 2003,2018), Neue palästinensische Lyrik (2003), Lyrik von Saadi Yussef (Irak, 2004), Neuere Lyrik aus dem Irak (2007), Lyrik arabischer Dichterinnen vom 5. Jahrhundert bis heute (2008, 2017 [Neuauflage Deutsch-Arabisch]) und Liebe und Erotik in der arabischen Poesie von 500 bis heute (2008). Sie wurden überwiegend im Verlag Das arabische Buch, später Verlag Hans Schiler, publiziert. Auch bei Manesse in Zürich sowie im Kirsten Gutke Verlag, Köln – Frankfurt/M. erschienen Titel.
Auch wenn der Bezug zum Surrealismus bei diesen Buchprojekten eher vage ist, so faszinierte Heribert Becker die farbenfroh-opulente und sinnliche Metaphorik der arabischen Lyrik, die sich von der europäischen deutlich unterscheidet, eine neue Herausforderung für den Surrealismusexperten und Herausforderungen suchte er bis zuletzt.
Egon Günther ↑
Egon Günther bei einer Lesung
in Dießen 2024
Gone to Croatan, 2000 |
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Mit dem bayerischen Maler, Lyriker und Übersetzer Egon Günther (*1953, Bayerische Enziane [2005], Watschenbaum [2012], Birkenrindenschriften [2025] u.a.) verband ihn seit 1989 eine lange und enge Männerfreundschaft, auf deren Pflege Becker bis zuletzt großen Wert legte. Sie waren als Autoren einer Surrealismus-Sondernummer der Zeitschrift TRAFIK (Mülheim/Ruhr) in Kontakt gekommen. Becker besuchte ihn häufig in Riederau bei Dießen am Ammersee, lektorierte einige seiner Bücher und war für ihn so etwas wie ein Mentor. Der Übersetzer war darüber hinaus im Besitz mehrere Gemälde Günthers.
2015–2020 erschienen drei Nummern des von Günther herausgegebenen Magazins Feuerstuhl (Medienstreu, Ostheim/Rhön). Bei No 2 wurde er tatkräftig von Heribert Becker unterstützt, der diese Ausgabe »nach seinem Gusto mit Inhalt füllen« durfte, »also mit einer vielfältigen Auswahl surrealistischer Texte und Bildwerke, wobei ein Schwerpunkt auf der poetischen Gemeinsamkeit des Surrealismus mit der bei Erscheinen der Zeitschrift gerade fünfzig Jahre zurückliegenden Revolte des Mai 1968 lag« (E. Günther). Bereits in der No. 1 sind neben surrea-listischen Billets von Achille Chavée, Paul Nougé, Fernand Dumont, Irène Hamoir, Christian Dotremont, Joyce Mansour u.a. auch die von Becker gemeinsam mit Elaine Charwat übersetzten Texte Carringtons Wie das Mole erfunden wurde und Der Kohl ist eine Rose erschienen. Die Einbände gestalteten abwechselnd die Künstler Peter Schneider-Rabel und Bernd Straub Molitor.
Ohne Heribert Beckers »Anstöße, gelegentliche Ratschläge und vor allem seine Übersetzungen wäre ich wohl kein ›Poet‹ geworden« (E. Günther).
Rik Lina ↑
Rik Lina um 1975 in seinem Atelier in Amsterdam
Das erste Mal besuchten Heribert Becker und Milan Nápravník ↑ den weitgereisten holländischen Maler Rik Lina (*1942) im Jahr 1975 in dessen Atelier am Prinseneiland in Amsterdam. Zu dem Zeitpunkt war Lina aktives Mitglied im Bureau de recherches surréalistes en Hollande, das bis 1978 in der niederländischen Metropole bestand. Er war gemeinsam mit den Künstlern Laurens Vancrevel (*1941) und Her de Vries (1930–2021) an deren Magazin Brumes Blondes (Blonde Nebel) beteiligt.
Dragon Mountain, 2012
Becker und Nápravník luden ihn zur Teilnahme an der geplanten Surrealismus-Ausstellung in Bochum ein, an der er sich dann mit zwei Arbeiten (Pyramide flottante, 1973; Mobile immobile, 1974) beteiligte. 1993 sahen sie sich auf der Lateinamerika-Ausstellung, erneut in Bochum, wieder. In den folgenden Jahren blieben sie in Verbindung und waren im regen Austausch über ihre jeweiligen Aktivitäten. 1991 gründete Rik Lina mit anderen Künstlern das niederländisch-portugiesische Kunstprojekt Collective Automatic Painting Amsterdam (CAPA), das 2022 in der Cabo Mondego Section (gemeinsam mit Jan Giliam [*1965]) aufging. Bei beiden Ptojekten zeigte er sich als »echter Liebhaber aller Arten von Kollaborationen, besonders der kollektiven Malerei« (Lina) und es entstanden großformatige Gemeinschaftsprojekte, an denen stets mehrere Maler teilnahmen. Zuletzt beteiligte er sich mit Becker an der von Egon Günther herausgegebenen Zeitschrift Feuerstuhl. Becker und Lina blieben bis zuletzt in Verbindung.
Woldemar Winkler ↑
Woldemar Winkler um 1990
1971 Jahre entdeckte Becker die bildnerischen Arbeiten des 1902 in Dresden geborenen Künstlers Woldemar Winkler. Auf diese wurde er durch die Künstlerin Karina Raeck (*1938) aufmerksam gemacht, die wie Winkler an der Imagination-Ausstellung 1978 beteiligt sein wird. Für die Vielfalt seines Werkes und dessen mitunter archaische Poetik begeistert er sich schnell. Seit dieser Zeit ist er mit dem künstlerischen Außenseiter bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden, sah in ihm einen hierzulande weit unterschätzten Künstler.

1987 schreibt er für den Katalog seiner Ausstellung in der Städtischen Galerie Albstadt in Baden-Württemberg mehrere Texte. Vier Jahre später publizierte er gemeinsam mit dem Berliner Maler und Grafiker Frieder Schellhase die umfangreichen Monografie zur Winkler-Ausstellung im Kunstmuseum Bochum ↑, die bei Nautilus ↓ erschien. Er verfasste hierfür den Text Zur Stellung von Woldemar Winklers Werk. 1991 stellt Winkler in der Galerie Alphonse Chave in Vence, Département Alpes-Maritimes in Frankreich, Zeichnungen, Collagen und Gemälde aus. Zum Katalog steuert Becker u.a. den Text Woldemar Winkler, à mi-chemin entre romantiques allemands et surréa-listes (Woldemar Winkler, auf halbem Weg zwischen deutschen Romantikern und Surrealisten) bei. 1998 erscheint in limitierter Auflage in der Berliner Edition Maldoror ↓ das Künstlerbuch Die Leidenschaft ist die Vernunft mit Grafiken Winklers und Texten surrealistischer Künstlerinnen, die Becker teilweise ins Deutsche übersetzt. Winkler stirbt 2004 in Gütersloh in Westfalen, wo er seit 1949 lebte, mit 102 Jahren. Sein umfangreiches Werk ist seit 1994 Bestandteil der Woldemar-Winkler-Stiftung der Sparkasse Gütersloh. Seit 1997 vergibt sie alle zwei Jahre den mit 5.000 € dotierten Woldemar-Winkler-Preis. In den Jahren 1997, 1999 und 2001 war Becker neben Woldemar Winkler u.a. Mitglied der Jury, 2007 gemeinsam mit dessen Sohn Christoph Winkler (*1952).
Franklin Rosemont ↑
Franklin und Penelope Rosemont
mit dem Galerie-Maskottchen,
Chicago 1998
Logo der US-Surrealists von
Franklin Rosemont
Bevor im April 2003 die bereits erwähnte Versteigerung des Breton-Nachlasses anstand, verfasste der amerikanische Anarchist, Autor und Mitbegründer der Chicago Surrealist Group, Franklin Rosemont und mehrere Mitstreiter 2002 ein entsprechendes Pamphlet. In diesem attackierte er »die übliche Grabräuberbande« der Händler und vermeintlichen Sammler sowie einen seiner Meinung nach despektierlichen Artikel der New York Times vom 17.12.2002 zu diesem Vorgang (»Surrealism For Sale, Straight From The Source; André Breton's Collection Is Readied for Auction«). Der Titel seiner Publikation in deutscher Übersetzung »Der Surrealismus ist unverkäuflich! Das Gold der Zeit in der Zeit des Goldes« war wohl dem Breton-Zitat aus den 1920er Jahren »Je cherche l'or du temps – Ich suche das Gold der Zeit« entlehnt, das auf dem Grabstein von Elisa und André Breton des Friedshofs von Batignolles zu lesen ist. Der Text wurde im Forum poetischer Kulturen des mit Becker befreundeten Künstlers Peter Schneider-Rabel verbreitet.
Bereits im Jahr zuvor erschien die gemeinsam verfasste Polemik Noch so ein dummer Krieg, in dem der Pazifist und seine Mitstreiter »auf das imperiale Streben der Bush-Allianz« im Irak reagierte und es anprangerte. Auch hier war Heribert Becker als Ko-Autor und Übersetzer tätig.
In Beckers Das surrealistische Gedicht sind sowohl Franklin wie auch dessen Ehefrau, der Künstlerin Penelope Rosemont mit mehreren Gedichten vertreten, übersetzt von dem Berliner Lyriker Richard Anders.
Mit dem Amerikaner stand er bis zu dessen Tod im intensiven Briefwechsel. Auch die Verbindung zu seiner Witwe und der amerikanischen Surrealistengruppe, die sich später in The Surrealist Movement in the United States umbenannte, hatte Bestand. Er brachte Penelope Rosemont in Kontakt mit dem deutschen Fotografen Floris M. Neusüss, der ihre Fotogramme in einer Ausstellung 1990 im Kunsthaus Zürich zeigte. Darüber hinaus unterstützte er ihre Arbeit am Buch Surrealist Women: An International Anthology, erschienen 1998 in der University of Texas Press in Austin. Heribert Becker und die Rosemonts waren sich »leider nie persönlich begegnet« (P. Rosemont).
… Das Gesicht schien etwas von seiner absolut unwiderstehlichen Anziehungskraft zurückzugewinnen, obgleich die Falten natürlich immer noch da waren. Ich schnellte aus meinem Lunar plexus auf wie eine hungrige Forelle und wurde umgehend von dem spitzen Widerhaken erwischt, der in allen früher-einmal-sehr-schönen-Gesichtern hängt.
Ein feiner magnetischer Nebel bildete sich zwischen mir, dem Gesicht und der klaren Wahrnehmung. Das war’s, was ich sah in dem Nebel.
a. Leonora Carrington »Der Flanellschlüpfer«, a. d. Englischen v. Heribert Becker & Elaine Charwat
Karin Kramer Verlag ↑
Karin und Bernd Kramer um 2010, Foto: Ruth
Westerwelle (ruthwesterwelle.de)
Césaire: Rede über den Kolonialismus und andere Texte, 2017 |
Mariën, Das Massengrab,
2012, Cover:
P. Schneider-Rabel
|
Péret: Ich esse nicht
von diesem Brot, 2010,
Cover: P. Schneider-Rabel |
Seit Beginn der 1980er Jahre erschienen viele von Beckers Bücher (u.a. von Mariën, Césaire, Topor, Arrabal ↑, Nápravník ↑) im anarchistischen Karin Kramer Verlag, der seinen Sitz fast 35 Jahre lang im West-Berliner Stadtteil Neukölln hatte. Mit dem Verlegerpaar Karin (1939–2014) und Bernd Kramer (1940–2014) war er bis zu deren Tod befreundet, auch wenn er manchmal mit der Qualität der hier veröffentlichten Titel unzufrieden war: Deren gelegentliche Laissez-faire-Haltung bei der Produktion und Heribert Beckers Perfektionismus standen sich dann diametral gegenüber. Ihr Tod kurz hintereinander – sie waren beide an Krebs erkrankt – traf ihn tief. Ein u.a. vom Berliner Autor und Anarchisten Jochen »Knobi« Knoblauch im April 2015 initiierter Freundeskreis Bernd und Karin Kramer e.V. möchte das Erbe der Kramers pflegen und deren Verlags-Website und die Erinnerung an das Verlegerpaar aufrechterhalten.
Edition Nautilus ↑
Carringtin: Die Windsbraut,
2009
Nautilus-Muschel,
Vorlage für das
Verlags-Logo
Mitte der 1980er Jahre begann seine Zusammenarbeit mit der Edition Nautilus, die ihren Sitz in Hamburg-Bergedorf, seit Dezember 2008 in Altona, hat. Dieser wurde 1972 als Spartakus-Buchvertrieb vom anarchistisch ausgerichteten Verleger und ehemaligem APO-Mitglied Lutz Schulenburg und dem französischen Literturübersetzer und Lyriker Pierre Gallissaires (Das Paris der Surrealisten, Nautilus 1981) gegründet, 1973 kam die Autorin und Übersetzerin Hanna Mittelstädt dazu. 1974 benannte sich der Verlag um und gab sich den heutigen Namen (nach Jule Vernes U-Boot aus 20.000 Meilen unter dem Meer sowie dem Kopffüßer Perlboot). Hier erschienen mehrere von Beckers Übersetzungen (von Perét, Carrington, Woldemar Winkler, Max Ernst u.a.), zu denen er häufig auch Vor- bzw. Nachwörter verfasst hatte.
Seit 2006 verschob sich, zumindest nach Meinung Beckers, der Schwerpunkt des Verlagsprogramms doch merklich hin zur mehrheitstauglichen Literatur. Gründe hierfür sah er im großen Überraschungserfolg des Verlags mit einem Kriminalroman und dem Tod von Lutz Schulenburg im Jahre 2013 und Pierre Gallissaires 2020. Trotz dieser Widrigkeiten konnte er sich der Unterstützung durch die langjährige Lektorin und Ko-Verlegerin Katharina Picandet sicher sein: 2023 erschien eine 3., korrigierte und aktualisierte Auflage des Carrington-Titels Die Windsbraut, der hier 2009 erstmalig in Beckers Übersetzung in der Reihe kleine bücherei erschienen war. Anlässlich des 100-jährigen Surrealismus-Jubiläums und dieser Neuauflage sendete der Deutschlandfunk am 6. Februar 2024 ein Interview mit Heribert Becker. Seit dem Tod Schulenburgs wird der Verlag im Kollektiv geleitet.
Rimbaud Verlag ↑
Auch im 1981 gegründeten Aachener Rimbaud Verlag, benannt nach dem französischen Dichter und Abenteurer Arthur Rimbaud, wurden mehrere Titel von Heribert Becker veröffentlicht. Er bot dem surrealismus-affinen und nie gewinnorientiert arbeitenden Gründer und Verleger Bernd Albers (*1951) die Übersetzung zweier Breton Bücher an, die dann auch dort erschienen (Bindestrich, 2009; Pont Neuf, 2013) wie schon zuvor zwei Titel von Péret (Das große Spiel) und Tchicaya U Tam'si (Buschfeuer).
Nach dem Tod von Beckers Lebensgefährtin 2011 beauftragte ihn der Verleger »zur Ablenkung« (B. Albers) die Übertragung des surreaslismusfernen Grusel-Romans Belphégor, Le fantôme du Louvre (Belphégor, das Phantom des Louvre) des französischen Schriftstellers Arthur Bernède an, der dann 2013 in deutscher Übersetzung erschien. Wenig später entsteht eine entsprechende Hörbuchfassung, gesprochen von Jens Wawrczeck. Die 1967 in der ARD ausgestrahlte 13-teilige französische TV-Serie gleichen Namens mit Juliette Greco kannt Becker nicht.
Verlag Schiler & Mücke ↑
Der vom Juristen und Orientalisten Hans Schiler (Tübingen) und dem Völkerkundler Tim Mücke (Berlin) 2001 neugegründete Verlag (ursprünglich seit 1977 als Verlag Das arabische Buch) hatte sich u.a. auf feministische Literatur und Lyrik aus der arabischen Welt spezialisiert. Neben den mit Khalid Al-Maaly veröffentlichten Titeln erschien hier auch Beckers vielbesprochene 300-seitige Anthologie Der Surrealismus in Belgien. »Heribert Becker hat mit seinem Buch über den belgischen Surrealismus ein neues Standardwerk geschaffen […] welches einen großartigen Überblick zu diesem Thema bietet, nicht zuletzt auch, weil Becker, um all die literarischen Schätze zu bergen, in die Katakomben der Archive und Sammlungen hinabstieg …« Jochen Knoblauch in: Feuerstuhl No 3, S. 131.
Alexander Verlag ↑
Etwa um die Jahrtausendwende verschärfte sich das Hadern Heribert Beckers mit der bundesdeutschen Verlags- und Rundfunklandschaft, die sich in seinen Augen zu Ungunsten des Surrealismus verändert hatte. Es sah zunehmend Schwierigkeiten, eine literarische Heimat für seine Wunschprojekte zu finden: Die Kramers waren verstorben, andere Verlage hatte sich vom Surrealismus weitgehend verabschiedet oder waren in finanzielle Schieflage geraten. Hier kam der Alexander Verlag des Berliner Publizisten Alexander Wewerka (*1959) ins Spiel. Der Sohn des Architekten, Designers und Künstlers Stefan Wewerka verlegte seit 1983 in Berlin Literatur mit dem Schwerpunkt Theater- und Filmbücher, entwickelte bald auch ein Interesse an surrealistischer Literatur. Hier erschienen zwei von Beckers letzten Bücher (Jean-Claude Carrière: Buñuels Erwachen; Aimé Césaire: Über den Kolonialismus, 2017 u. 23). Es waren weitere Veröffentlichungen geplant, zu deren Verwirklichung es aber nicht mehr kam.
Kunstverein Herzattacke ↑
Herzattacke 3/2010
Kurz vor der Wende im Jahr 1989 war aus der Ost-Berliner, zu Beginn surrealistisch orientierten Künstlergruppe Maldoror (1985) die Gruppe Herzattacke in der Galerie Wohnmaschine (heute Loock Galerie) hervorgegangen. Diese wurde vom Rostocker Autoren Maximilian Barck und dem Künstler Michael Würzberger (*1960) ins Leben gerufen. Nach Barcks Tod wird Herzattacke als eingetragener Verein von Simone Katrin Paul, Heike Willingham und seinem Sohn Malte Barck, geleitet. Hier wird bis heute in unregelmäßigen Abständen das gleichnamige Künstlerbuch als Periodikum verlegt. Dieses ist im DIN-A4-Format mit teilweise signierten Originalgrafiken bestückt und erscheint als nummerierte Auflage. In fast allen dieser Bände ist Heribert Becker mit Wortbeiträgen vertreten, bis zuletzt. Von daher verfügte er über eine beachtliche Sammlung von entsprechenden Belegexemplaren, die großteils an ein Kölner Buchantiquariat veräußert wurden. Im Januar 2018 erschien die Jubiläumsausgabe Nr. 100, im April 2024 eine Sondernummer 100 Jahre Surrealismus im sechsunddreißigsten Jahrgang. Derzeit (Nov. 2025) ist die 114. Ausgabe in Vorbereitung.
Infosurr No 129/2017
Infosurr ↑
1997 war Heribert Becker einer der ersten Mitarbeiter der von Richard Walter (*1967) in Orléans, Frankreich seit Februar 1996 herausgegebenen, zweimonatlich erscheinenden 12- bis 16-seitigen Zeitschrift Infosurr – Actualités du surréalisme et de ses alentours. »Er war Korrespondent für Ausstellungen und deutschsprachige Publikationen zum Surrealismus, insbesondere für alles, was mit Max Ernst zu tun hatte. Er würdigte die großen und unbekannten Künstler, die die Wege des Surrealismus gekreuzt hatten, zögerte darüber hinaus nicht, die politischen oder künstlerischen Auswüchse des Surrealismus anzuprangern« (R. Walter).
Er verfasste zahlreiche Artikel in französischer Sprache (u.a. über Catalina Chervin, Jan Švankmajer, Ted Joans, Woldemar Winkler ↑, Jacques Lacomblez) und erwies sich auch hier stets als Kenner und Kritiker der surrealistischen Bewegung und ihrer Geschichte. Er war somit international einer der wichtigsten Chronisten, vielleicht der wichtigste hierzulande.
Der Surrealismus war und ist keine Avantgarde, keine Vorhutbewegung. Wie schon Baudelaire waren ihm militärische Metaphern zuwider. Er war in erster Linie eine Bewegung von Leuten, die nicht miteinander verabredet waren, die sich je-doch ähnelten, ohne sich zu gleichen. Die großen sakrosankten Betrugsunternehmen wie das militärische, das religiöse, das polizeistaatlich reizten sie zum Lachen, und ihr Lachen war wie ihre Gemälde und ihre Schriften, ein aggressiv-heilsames und ansteckendes Lachen […] sie lachten, heute lacht man weniger.
Jacques Prévert, ca. 1970, a. e. Radio-Feature v. Heribert Becker, 1999
Antlogonis ↑
Von Oktober 1998 bis Mai 1999 waren Heribert Becker und Milan Nápravník ↑ interessierte Beobachter des von dem Künstler Bernd Straub-Molitor initialisierten postsurrealistischen Gruppenprojekts Antlogonis in Kölns Belgischem Viertel. Er nahm an vielen der wöchentlichen Treffen der Beteiligten (Peter Schneider-Rabel [*1957], Kristóf Szabó, Jean-Louise Clement [*1952], Rachel Hüwel [*1948] u.a.) teil und reiste auch zur einzigen Ausstellung der kleinen Gruppe in der Galerie Marielle im belgischen Liège (Lüttich). Es erschienen zwei Ausgaben der Zeitschrift Antlogonis infekt, an denen Heribert Becker aber nicht beteiligt war. Das daraus im Oktober 2001 hervorgegangene Online-Projekt Antlogonis infekt, Forum poetischer Kulturen von Peter Schneider-Rabel unterstützte er von Beginn an sehr intensiv mit Rat und Informationen aus dem Umfeld des Surrealismus. Es wird im Oktober 2026 sein 25-jähriges Jubiläum feiern können.
An Straub-Molitors Folgeprojekt Surrogat (1999–2003, 4 Nrs) war er an der 2.und 3. Ausgabe mit Wortbeiträgen vertreten.
Max Ernst Museum des LVR ↑
Neu- und Altbau des Max-Ernst-Museums (2022)
Von 1980–2009 beherbergte das Max Ernst Kabinett in Brühls Bahnhofstraße die Schenkung von Grafiken, Gemälden und Objekten des Künstlers an seine Heimatstadt an der südlichen Peripherie Kölns. Den Grundstein hatte er selbst noch gelegt. Im September 2005 zog die umfangreiche Sammlung ins nur wenige Straßen entfernte größere Max Ernst Museum um, dessen wechselnde Ausstellung im Neubau in der Comestraße Heribert Becker regelmäßig besuchte. Besonders mit dessen wissenschaftlichem Leiter Dr. Jürgen Pech, stand er auch nach dessen Pensionierung 2021 im regen Austausch. Pech zeigte sich zudem für den Erhalt der surrealistischen Bibliothek Beckers verantwortlich.
Für die Ausstellung Der Arp ist da! Der Max ist da!, die 2014 sowohl im Arp Museum Bahnhof Rolandseck als auch im Max Ernst Museum Brühl des LVR gezeigt wurde, steuerte Heribert Becker die Transkription des Gemeinschaftstextes Der Mensch, der sein Skelett verlor aus der Zeitschrift Plastique von 1938/39 bei. An der von Jürgen Pech kuratierten Bilderschau Surreale Tierwesen von 2021/22, ebenfalls im Brühler Museum, war er sowohl mit Leihgaben aus seiner Sammlung als auch mit Übersetzungen beteiligt.
Surrealismus + Antifaschismus ↑
2024 stellte er nach intensivem Austausch zahlreiche Übersetzungen für den umfangreichen Katalog der Ausstellung Aber hier leben? Nein Danke. Surrealismus + Antifaschismus in der Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau in München zur Verfügung (u.a. von Aimé Césaire, der Gruppe Contre-Attaque sowie das Manifeste des 121, Paris 1960). Die umfangreiche Schau fand anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Gründung der Pariser Surrealistengruppe um André Breton ↑ statt. Das Lenbachhaus lud Heribert Becker nach München zur Ausstellungseröffnung im Oktober 2024 ein. Becker sah sich jedoch körperlich bereits außerstande, die Strapazen der weiten Reise auf sich zu nehmen und verzichtete schweren Herzens, obwohl er einen gewissen Stolz auf seinen Beitrag zu dieser ausgesprochen politischen Ausstellung verspürte.
»Diese Ausstellung arbeitet gegen das Klischee vom weltfremden durchgeknallten Surrealisten. Sie zeigt die Vielfalt einer Kunstbewegung und deren politische Geschlossenheit – medienübergreifend, zwischen Meisterwerk und Manifest. Und sie ist eine Warnung, was passiert, wenn Faschisten die Macht übernehmen: dann ist nicht nur die Kunst in Lebensgefahr.« Julian Ignatowitsch, Deutschlandfunk Kultur.
Constellations ↑
Auch ein weiteres Lieblingsprojekt Beckers wurde zu seinen Lebzeiten leider nie publiziert: Die von Joan Miró in den Jahren 1940/41 überwiegend in Varengeville-sur-Mer in der Normandie, Frankreich, erstellten 23 Gouache-Gemälde auf Papier namens Constellations (Sternbilder) sollten, ergänzt durch die letzten Prosagedichte André Bretons ↑ aus dem Spätherbst 1958, in Buchform erscheinen. Die Bilder, die zu den besten Arbeiten des katalanischen Malers, Grafikers und Bildhauergezählt werden, waren 1959 lediglich als Faksimile-Einzelblätter im Original-Format (etwa 38 mal 46 Zentimeter) in einer innen rohleinenbezogen Kassette erschienen. Publiziert wurden sie in einer Luxus-Edition erstmalig von der New Yorker Gallery Pierre Matisse, von der sie ihren heute bekannten Namen erhielten.
Leider war von den interessierten Verlagen keiner zur Publikation zu den Bedingungen der Erben Mirós bereit: Die Fundació Pilar i Joan Miró in Palma de Mallorca, Spanien, lehnte eine Veröffentlichung in Originalgröße des weitgehend abgeschlossenen Projekts (129 Seiten, 41 Abbildungen, Bretons 23 Gedichte [französisch/deutsch], Glossar und Ergänzungen Beckers [Vorbemerkung], Bretons u.a.) ab, da sie Fälschungsgefahr befürchteten. Das Exemplar mit der Nummer 114 durfte sich Heribert Becker am 1. Juli 2001 in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, Niedersachsen, gemeinsam mit dem Publizisten Dieter Kohler vom Frankfurter Zweitausendeins Verlag, ansehen.
… Als Herausgeber und Übersetzer der deutschen Edition der Constellations bedanke ich mich […] herzlich bei der Direktion der Wolfenbütteler Bibliothek, daß sie ihr wertvolles Exemplar als Druckvorlage für die hier vorgelegte Publikation zur Verfügung gestellt und sich darüber hinaus an deren Herstellung beteiligt hat.
Heribert Becker, Vorbemerkung z. »Constellations«, S.17, Mai 2003
Vermischtes ↑
2019 erschien bei Bloomsbury Publishers in London die 3-bändige International Encyclopedia of Surrealism (2), herausgegeben u.a von Steven Harris, Dawn Ades, Krzysztof Fijalkowski und Georges Sebbag. Becker wurde im September 2014 um seine Teihabe an diesem Großprojekt durch den Initiator Michael Richardson gebeten, einen langen oder drei kurze Essays (6000 Zeichen) in Englisch zu erstellen. Da aber seine Englischkenntnisse unzureichend waren, kam es leider zu keiner Zusammenarbeit.
Häufig musste er sich selbst um die Finanzierung der Buchprojekte kümmern, teilweise über Förderung durch sogenannte Arbeitsstipendien u.a. des Deutschen Übersetzerfonds oder Sponsoren. Auch die Akquise eines interessierten Verlags zählte in diesen Fällen zu seinem Aufgabenbereich. Zudem war er nicht selten mit der zeitaufwändigen Beschaffung der Wort- und Bildlizenzen der jeweiligen Publikation beauftragt. Die daraus resultierenden letztendlich eher bescheidenen Einnahmen steckte er dann wieder in den nächsten Titel, so dass am Ende nicht viel übrig blieb zum Leben. Hier war seine unbedingte Hingabe gefordert.
2014 sprach die Journalistin Janine Paskamp im Café Balthazar am Auerbachplatz mit Heribert Becker über dessen Arbeit. Dieser Artikel erschien am 27. Dezember 2014 unter dem Titel Nicht mehr mit Schere und Kleber in der Kölnischen Rundschau.
Sein Bezug zur Muttersprache war eher puritanisch, in seinen Texten mied der frankophone Germanist beharrlich Anglizismen, man wird in seinen Texten keine finden.
Trotz seines Zusammenlebens mit einer Instrumentalmusikerin, war sein Verhältnis zur Musik zeitlebens distanziert, ähnlich wie bei Breton; Gesang und Lieder hörte man bei Heribert Becker eigentlich nie, auch nicht zu Edith Hubers Lebzeiten, obwohl entsprechendes Equipment immer vorhanden war.
Tod ↑
Im Jahre 2016 erkrankte der gesundheitlich bereits vorbelastete Heribert Becker an Krebs, konnte ihn aber vorerst besiegen. Nach einem Sturz im April 2023 in seinem Treppenhaus erlitt er multiple Verletzungen und war so zu einem Umzug gezwungen, da er seine Altbauwohnung in der 3. Etage ohne Aufzug nicht mehr erreichen konnte. So zog er im Mai 2024 ins betreute Theo-Burauen-Haus im Stadtteil Ehrenfeld und war somit gezwungen, sein geliebtes Veedel, in dem er nahezu sein halbes Leben verbracht hatte, zu verlassen, was ihm nicht gut tat: Heribert Becker war zu einem alter Baum geworden, den man nicht hätte verpflanzen sollen.
Im Juni 2025 verschlechterte sich sein Zustand dann aber erneut. Er starb am frühen Morgen des 19. August, wenige Tage nach seinem 83. Geburtstag, in seiner Wohnung. Beigesetzt wurde die Urne am 14. Oktober im Grab der Familie Becker auf dem Friedhof in Leverkusen-Lützenkirchen.
Sein letzter Buchtitel, ein über 200 Seiten umfassender französisch-deutscher Gedichtband Jacques Préverts ↑ (Arbeitstitel: Treibsand – Gedichte, Chansons und andere Texte), der bereits weitgehend als digitale Version vorliegt, wollte der involvierte Verlag auf lediglich 120 Seiten beschränken, was die Veröffentlichung zu Beckers Lebzeiten verhinderte.
Becker war Zeit seines Lebens überzeugter Atheist, Freigeist, Humanist und antifaschistischer Weltbürger, nicht interessiert an materiellen Werten, jede Form von Eitelkeit war ihm fremd. Mit ihm verliert Deutschland, gewissermaßen surrealistisches Niemandsland, einen ihrer wichtigsten Kenner und obsessivsten Propagandisten der Bewegung, der ihre Ideen und deren einzigartige Bedeutung durch seine zahlreichen Publikationen auch hierzulande bekannt machte.
Sürrealismus, der, eine Denkweise in Literatur u. ↗Malerei der Gegenwart, welche die Verwüstung u. Irrealisierung der Welt durch ↗Dadaismus u. ↗Kubismus aufheben u. von einer über=realen Sicht aus die wirkl. Welt aufs neue deuten will; schwankt unausgeglichen zw. kalter Intellektualität u. psychoanalytisch aufdeckender Triebhaftigkeit u. zerstört das Organische…
Herder Lexikon, 1934
Audio ↑
Dieser Artikel wurde ursprünglich für die Online-Enzyklopädie WIKIPEDIA erstellt, wegen seines Umfangs aber von deren Community abgelehnt. Alternativ zur lexikalischen Fassung wird dieser nun als eigenständiger biografischer Text in ungekürzter und illustrierter Form auf Heribert Beckers weiterhin bestehenden Website präsentiert.