Remedios Varo (1908–1963)

Die Bibliothek

D

er Leser muss wissen, dass die Abteilung zur Erhaltung und Pflege sowie zum Studium der Bücher und Dokumente, die sich mit den Sitten und Ge­bräuchen des 20. und 21. Jahrhunderts befassen, nicht für den Zustand des vorliegenden Bandes ver­antwortlich ist.

Die barbarischen, blutigen Kriege, die Ende des 20. Jahrhunderts stattgefunden haben, wurden nicht durch politische Differenzen, sondern vielmehr durch den Besitz des hier vorgelegten Buches verursacht. Die Rezepte und Ratschläge, die es enthält, führten, nachdem sie im größten Teil des Reichs von Gibraltar in die Praxis umgesetzt worden waren, ebendieses Reich auf den Gipfel der Macht – eine nicht hinnehmbare Bedrohung für die anderen Reiche.

Das Buch wurde entwendet, ging durch zahlreiche Hände, und schließlich starb sein letzter Besitzer, der furchtlose Ritter Igor López Smith, auf einem Scheiterhaufen aus grünem Kunststoff; das Buch, das sich in einer Innentasche des Ritters befand, verbrannte nicht vollständig mit, eben weil der Kunststoff noch grün war.

Heute besitzen derartige Rezepte insofern keinen allzu großen praktischen Wert mehr, als die heutigen Hühner, die einen Meter groß werden und weder Knochen noch Federn besitzen, nicht mehr als Rohmaterial für aphrodisische Mixturen zu dienen vermögen.

ALGECÍFARO BEN EL ABED

Rezepte und Ratschläge, um unangenehme Träume,
Schlaflosigkeit und Treibsandwüsten
unter dem Bett loszuwerden

Aus dem Arabischen übersetzt von Feline Caprino-Mandrágora

Allah ist groß, und Mohammed ist sein Prophet.
Trotzdem...

Es ist sehr unangenehm, die Nacht im Laufschritt, verfolgt von einem Löwen, zu verbringen; schließlich eine Tür zu erreichen, sich hinter sie zu flüchten und dann festzustellen, dass sich dort ein tiefer Brunnen befindet, in den man hineinfallen möchte (in die plazento-mütterlichen Arme natürlich), in den man aber nicht hineinfällt. Ein unverhoffter Flug trägt einen über ihn hinweg; man gelangt in einen riesigen Saal, in dem sich viele Türen öffnen. Hinter jeder hockt immer wieder der gleiche Löwe. Das einzige Fluchtmittel besteht darin, sich an den Kronleuchter aus geschliffenem Kristall zu hängen: eine unmögliche Lösung, denn genau in diesem Augenblick klettert der Briefträger mit einem Telegramm von dem Lüster herab, das die Geburt von vier mauretanischen Zwillingen in der Küche vermeldet... Usw., usw. Sie können sich ja denken, wie es weitergeht!

Um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden, ist es das Beste, die nachstehenden, höchst einfachen und vernünftigen Ratschläge zu befolgen:

Zur Herbeiführung erotischer Träume:

Zutaten
  • drei Kilo schwarzer Rettich
  • drei weiße Hühner
  • eine Knoblauchzwiebel
  • vier Kilo Honig
  • ein Spiegel
  • zwei Lebern von jungen Kühen
  • ein Ziegelstein
  • zwei Wäscheklammern
  • ein Fischbeinkorsett
  • zwei falsche Schnurrbärte
  • zwei Kopfbedeckungen nach eigenem Geschmack.

Die Hühner rupfen, dabei die Federn sorgfältig aufheben.

Sie in zwei Liter destilliertem oder Regenwasser ohne Salz mit der geschälten und zerdrückten Knoblauchzehe kochen.

Auf kleiner Flamme weiterkochen lassen. Während das Federvieh kocht, das Bett von Nordwesten nach Südosten ausrichten und das geöffnete Fenster sich absetzen lassen.

Das Fenster nach einer halben Stunde schließen und den Ziegelstein unter den linken hinteren Bettpfosten legen; das Kopfende des Betts muss sich im Nordwesten befinden.

Sich setzen lassen.

Während sich das Bett setzt, den schwarzen Rettich direkt über dem kochenden Wasser raspeln und dabei Acht geben, dass die Hände fortwährend mit Dampf imprägniert werden. Wenden und weiterköcheln lassen.

Die vier Kilo Honig nehmen und mittels eines Spachtels auf die Bettlaken auftragen.

Dann die Hühnerfedern nehmen und sie über die mit Honig bestrichenen Laken streuen.

Sorgfältig das Bett machen.

Die Federn müssen nicht unbedingt alle weiß sein. Ein paar können auch farbig sein, aber es dürfen keine Federn verwendet werden, die von so genannten Perlhühnern stammen, denn diese verursachen zuweilen lang anhaltende nymphomanische Zustände oder führen zu schweren Fällen von Priapismus.

Nun das Korsett gut festziehen.

Sich vor den Spiegel setzen. Seine nervöse Spannung abbauen, lächeln, die Schnurr­bärte und die nach eigenem Geschmack gewählten Kopfbedeckungen (napoleonischer Dreispitz, Kardinalshut, Trachtenhaube mit Spitzen, Baskenmütze usw.) an- bzw. aufprobieren.

Die beiden Wäscheklammern in eine Untertasse geben und diese neben das Bett stellen.

Die Jungkuhlebern im Wasserbad anwärmen, dabei gut darauf achten, dass sie nicht kochen; wenn sie genügend angewärmt sind, an die Stelle des Kopfkissens (in Fällen von Masochismus) oder auf beide Seiten des Betts (in Fällen von Sadismus) legen.

Von nun an muss sehr rasch vorgegangen werden, um zu vermeiden, dass die Lebern abkühlen. Loslaufen und die Brühe (die sehr konsistent sein muss) schnell in eine Tasse gießen.

Mit der Tasse sich geschwind wieder vor den Spiegel setzen, lächeln, einen Schluck Brühe trinken, einen Schnurrbart anprobieren, noch einen Schluck trinken, einen Hut aufprobieren, trinken, alles auf einmal anprobieren, nach jeder Anprobe kleine Schlucke zu sich nehmen. Das alles so schnell wie möglich.

Wenn die Brühe ausgetrunken ist, zum Bett laufen, sich auf die vorbereiteten Laken legen, schnell die Wäscheklammern nehmen und mit ihnen je einen großen Zeh einklemmen. Die Klammern müssen die ganze Nacht über getragen werden, und zwar so, dass sie einen 45-Grad-Winkel mit dem Zeh bilden und einen festen Druck auf den Zehennagel ausüben.

Dieses sehr einfache Rezept zeitigt stets gute Resultate, und normale Personen können so auf sehr angenehme Weise vom Küssen zum Strangulieren, von der Notzucht zur Blutschande usw. übergehen.

Rezepte für komplexere Fälle wie Nekrophilie, Autophagie, Tauromachie, Alpi­nismus und dergleichen sind in einem Spezialband aus unserer Sammlung Diskret-vernünftige Ratschläge zu finden.


Remedios Varo (1908–1963), aus Katalonien stammende Malerin, die 1936 im Spanischen Bürgerkrieg den surrealistischen Dichter Benjamin Péret kennenlernte, dem sie im Jahr darauf nach Paris folgte, wo sie sich der dortigen Surrealistengruppe anschloss. 1942 emigrierte sie mit Péret nach Mexiko-Stadt, wo sich eine Gruppe von Exil-Surrealisten bildete, in der sich Remedios eng mit ihrer Malerkollegin Leonora Carrington anfreundete. Der malerische Stil der beiden weist eine gewisse Verwandtschaft auf, und beide liebten es, bizarre Texte wie den hier vorgestellten zu Papier zu bringen. Remedios, heute weltweit bekannt, verblieb bis zu ihrem frühen Tod in Mexiko (Anm.d.Übers.).

Der Ritter
Aus dem Französischen von H. Becker

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