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Die kleinen Finger
D ie kleinen Finger hatten sich sehr gesputet. Deshalb wurde ihnen bald blutig zugesetzt. Sie mussten wieder zusammengenäht und aneinandergeheftet werden. Was für Narben! Als diese Behandlung beendet war, fehlten mindestens sechs Fingerglieder. Aber immerhin, die kleinen Finger funktionierten wieder. Rasch kehrten sie an die Arbeit zurück, obgleich diese ihnen erhebliche Schwierigkeiten bereitete.
Die meisten von denen, an die sie herantraten, setzten ihnen so heftigen Widerstand entgegen, dass es den kleinen Fingern schwer fiel, weiter ihrer Arbeit nachzugehen.
Diese Arbeit fand bei denen, für die sich die kleinen Finger betätigten, keinen Anklang. Sie mussten beinahe übertölpelt werden was die kleinen Finger übrigens sehr gut zustande brachten, doch darüber hinaus wurde ihnen nahe gelegt, in völliger Dunkelheit zu agieren, vorzugsweise nachts, wenn die auserkorenen Opfer schliefen.
Die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen. Doch die kleinen Finger mussten für ihre… Fingerfertigkeit teuer bezahlen.
Erneut erlitten sie fürchterliche Verletzungen. „Daran soll es nicht scheitern“, sagte die Bisamratte, „wir lassen das Christkind kommen.“ „Sehr gut“, antwortete die andalusische Maus, „sehr gut, aber bis Weihnachten ist es noch lange hin. Vielleicht sollte man sich ausgiebig mit der Aufzucht der kleinen Tannenbäume beschäftigen, damit das Fest schneller da ist.“
Davon war man einmütig angetan, und jeder machte sich ans Werk. Ei-nige waren auf Anhieb erfolgreich. Sie brachten einen schönen kleinen Tannenbaum zustande, der fürwahr bestens mit allen Attributen seines Standes, ja sogar seines Geschlechts ausgestattet war. Den Minderbemittelten hingegen gelang nur die mühsame Verfertigung unechter Tannen aus Galalith, Nylon, verschiedenen Acrylmassen oder, schlimmer noch, aus auf der Basis antarktischer Paprikaschoten künstlich hergestellter Pyrenäenwolle. Die Alpen waren so eifersüchtig darauf, dass die Pikdame auf diplomatischem Weg intervenieren musste, um die Streithähne zu beschwichtigen. Hinzu-zufügen ist, dass diese unechten Tannen mit einer Geschicklichkeit Feuer fingen, auf die unsere bekanntesten zugelassenen Pyromanen von der Privatfürsorge ewig neidisch sein werden.
Kurzum, schließlich gab es nur sehr wenige dieses Namens würdige Tannenbäume, und Jesus geruhte immer noch nicht, sich blicken zu lassen.
Was die durch diese Serie von Traumata endgültig bewegungsunfähigen kleinen Finger angeht, so tat es einem in der Seele weh, wie sie sich im Re-gen jämmerlich durch die Straßen schleppten. Die Heilige Jungfrau persönlich hätte das nicht ertragen. Zum Glück hielt sie sich in der Nähstube des Wohltätigkeitsvereins gut versteckt, wo sie unermüdlich Dynamitschnüre wob, die so dünn waren, dass sie jedes Mal ein volles Jahr benötigte, ehe sie es schaffte, dass nur zwei von ihnen zerrissen. Die zarteste der Schnüre war der kleine Zizi, der fünfhundert Mal hintereinander glatt durchriss. Da wischte sich die Gottesmutter verstohlen über die Augen, in denen etliche Tränen perlten, und die Machtübertragung fand statt.
Ein Päderast hätte sich besser aus der Affäre gezogen. Also wandte man sich an den Großen Jesus und den Kleinen Judas. Die bemühten sich dann eine Zeit lang um die Verwirklichung des glänzenden Projekts.
Allerlei Unheil brach über Paris herein. Zuerst dankten die Stadtpolizis-ten ab, was die Sperrung der Straßen und den völligen Stillstand des Automobilverkehrs zur Folge hatte. Das Erdöl verkam in den Lagertanks, und die Großen dieser Welt verdursteten.
Doch das Christkind war zum errechneten Zeitpunkt zur Stelle – und lebte! Man ließ einen der angesehensten Geburtshelfer kommen. Das löste einen großen Wirbel unter den Künstlerinnen aus, die bekanntlich nie ein lebendes Kind zur Welt bringen. Sie begannen, sich zu erbrechen, und verunreinigten so die geweihten Öle, die in den Kochtöpfen zu sieden anfingen.
Da kam es zu einem großen Getöse, dem fast sofort eine infernalische Stille folgte.
Die kleinen Tannenbäume waren zur Stelle. Jeder setzte sich zu Tisch und bekam – höchste Belohnung für die erhaltenen Beleidigungen – ein Christkind zugeteilt.
Da sie aus Jungfernwachs waren, diese Christkinder, und anstelle eines Geschlechtsorgans einen Docht hatten. Zündete man sie an, um Weihnachten zu feiern.
Es dauerte nicht lange, und das Wachs schmolz; in seiner Mitte tauchte ein himmelwärts weisender kleiner Finger auf, geheilt, aber vorschriftsmäßig beschnitten und mit Ringen geschmückt, deren strahlender Glanz alle versengte, die so verwegen waren, ihn direkt anzusehen.
Die Folge war ein furchtbares Massensterben. Die Blinden sprachen da-von, den Eiffelturm anzuzünden. Die Lahmen sahen klar und schwammen an der Oberfläche der Seine, während die Überlebenden wortlos ihre alten Bücher zerrissen und Richtung Osterinsel unter Segel gingen.
Marianne van Hirtum (1935–1988), bei Namur geborene Lyrikerin und bildende Künstlerin, die Belgien 1952 verließ und nach Paris ging, wo sie sich 1958 der dortigen Surrealistengruppe anschloss (Anm.d.Ü.)
Aus Bulletin de Liaison Surréaliste (Paris), Nr. 9, Dez. 1974
Aus dem Französischen von H. Becker |