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Von Silber zur auffliegenden Taube in Rot 2
Für Philippe Audoin 3 (1924–1985)
D er erste von meinen Lehrmeistern lebte nach Art der Vögel. Deren Lebensgewohnheiten waren nach und nach wie auf ihn übergegangen, ohne dass er sich bemüht hätte, sie anzunehmen. Er verdiente sein Brot damit, dass er dort, wohin ihn seine Schritte führten, für kurze Zeit mit den Trinkgeldern und Löhnen für seine Schwarzarbeit bezahlte Arbeiten verrichtete. Kräftig und fidel, wie er war, flößte mein Lehrmeister den Leuten Vertrauen ein. Er konnte alles – und hatte nichts von einem, der vor den Kirchen bettelt. Obwohl er nie länger an einem Ort blieb, als es für sein genügsames Leben notwendig war, war er kein Herumtreiber. Er war nicht auf der Suche nach einem abhanden gekommenen Weg oder irgendeinem märchenhaften Bestimmungsort, die ihn gezwungen hätten, immer weiter zu gehen, stets unzufrieden mit Ort und Stunde. Er erhoffte sich nichts von den Straßen und Wegen noch verzweifelte er an ihnen. Er erwartete nichts. Er war dort, wohin er ging, und hatte sein Ziel jederzeit erreicht.
Wenn mein Lehrmeister im freien Gelände, in den Parks und sogar in der Stadt seine Fußmärsche mit einem vergnügten Pfeifen begleitete – einem Pfeifen, das so wenig zurückhaltend war, dass es ununterdrückbar zu sein schien – (die Leute drehten sich nach ihm um wie beim Vorübergehen eines Verrückten) – , flogen überall die Vögel auf und begleiteten ihn auf seiner Wanderung. Er sprach zu ihnen, und die Vögel antworteten ihm. Er unterhielt sich mit ihnen über die Dinge, die sie gemeinsam betrafen.
Er war der freieste meiner Lehrmeister. Seine Lektion in Sachen Güte eröffnet in mir stets bislang noch unbeschrittene Wege.
D er zweite von meinen Lehrmeistern konnte die Vögel nicht zum Singen bringen. In seinen Gärten bauten die Amsel und die Ammer, der Falke und die Elster, der Regenpfeifer und die Brandente, die Bachstelze und der Brachvogel, der Wiedehopf, die Meise und die hübsche Grasmücke und auch die weiße Taube ihr Nest. Sein Unterricht fesselte die scheuesten Zugvögel. Den Vogel Frrt zum Beispiel, im Niger beheimatet, der niemals landet, nicht einmal zum Schlafen – und der seine Eier in der Luft ausbrütet. Oder auch den berühmten Loplop 4; oder den wohlbekannten Pihi, von dem man sagt, er habe lediglich einen Flügel und flöge nur paarweise; und sogar den Kirikoul (oder Kolumbianischen Smig), den nur wenige Menschen je gesehen haben: Bis auf sein phosphoreszierendem Auge, seine Zehenspitzen und seinen löffelförmigen Schnabel, die alle schwarz sind, ist er vollkommen durchsichtig.
Mein Lehrmeister brachte den Vögeln bei, nach seiner Vorstellung zu singen und zu pfeifen – eine Vorstellung, die großartiger war als ihre eigene. Dank ihm sang der Sperling wie eine Nachtigall, und die Nachtigall – der er doch anscheinend nichts mehr beizubringen hatte – erneuerte ihren Gesang, als verfügte sie über einen unerschöpflichen Schatz, wobei sie so reine und hohe Töne wagte, dass sie uns das Herz brachen.
Doch das Ansehen, das mein Lehrmeister noch lange nach seinem Tod genießt, rührt, glaube ich, vor allem daher, dass es ihm gelungen ist, unter-schiedliche Vogelarten zusammen singen zu lassen, sodass ihre ineinander verschlungenen Gesänge mir einen einzigen, abwechselnden Hymnus zu bilden schienen, aus dem ein aufmerksames Ohr jedoch die Eigenart einer jeden Stimme heraushören konnte. Er war der überwältigendste von mei-nen Lehrmeistern. Seine Lektion in Sachen Mut hat meiner Angst eine Sprache verliehen.
M ein jetziger Lehrmeister unterrichtet keine Vögel und singt auch nicht ihre Lieder. Aber egal, ob er geht oder steht, manchmal lässt sich ein Vogel auf ihm nieder, auf seiner Schulter oder auf seinem Kopf – als setzte er sich auf einen Grenzstein oder einen Felsblock, einen Schornstein oder einen vom Wind bewegten Zweig. Mein Lehrmeister wundert sich nicht darüber: Er scheint es nicht einmal zu bemerken.
Er ist der rätselhafteste meiner Lehrmeister. Seine Lektion in Sachen Dunkelheit verleiht mir Flügel.
1 Jean-Claude Silbermann (*1935), Dichter und – seit 1962 – Maler. Wurde 1965 Mitglied der Pariser Surrealistengruppe, in der er bis zu deren Selbstauflösung 1969 zu den umtriebigsten Akteuren zählte (Anm.d.Ü.).
2 J.-C. Silbermann verriet mir, dass der Originaltitel, D‘argent à la colombe essorante de gueules, eigentlich nur von einem Wappenkundler adäquat übersetzt werden kann (Anm.d.Ü.).
3 Philippe Audoin (1924–1985), Schriftsteller, seit 1962 Mitglied der Pariser Surrealistengruppe und großer Kenner der Heraldik (Anm.d.Ü.)
4 das „Wappentier“ des surrealistischen Malers Max Ernst (Anm.d.Ü.)
Aus Le Jour me nuit, 1999
Aus dem Französischen von H. Becker |