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Leben und Werke von Alfred Jarry und Isidore Ducasse
D a ja alle Welt diese Geschichte kennt, wird man sie sich zweifellos gern noch einmal erzählen lassen. Und das umso mehr, als sie so seltsame Züge von Grausamkeit aufweist, dass sie, würden sie nicht von den überzeugendsten historischen Beweisen gestützt, als märchenhaft und ganz und gar unglaubwürdig zurückgewiesen würden.
Alfred JARRY wurde während der Dritten Republik, genauer gesagt am 8. September 1873, in Laval, dem Hauptort des Departements Mayenne, geboren. Sein Vater, der Hecken pflanzte und Gräben zog, hatte ihn für dieses schwere Handwerk herangebildet; doch da er daran wenig Gefallen fand und ein lockeres Leben liebte, verließ er seine Heimat zusammen mit einem Gefährten, der dachte wie er und Isidore DUCASSE hieß; sie zogen sich gemeinsam in abgelegene Gegenden zurück. Dort ließen sie sich am Ufer des Meeres häuslich nieder, und zwar in einer ungefähr eine Meile tiefen und bemerkenswert breiten Höhle, die so nahe am Meer gelegen war, dass sie bei Flut häufig bis zu einer Höhe von mehr als hundert Messruten überschwemmt wurde.
Der Eingang zu dieser Grotte war eine Art Labyrinth voller Biegungen und Windungen, durch die man sich hindurchzwängen musste, um in den hinteren Teil der unterirdischen Wohnstatt zu gelangen, die der Schauplatz wahrlich extremster Gräueltaten war.
Sobald JARRY und sein Freund sich dorthin zurückgezogen hatten, begannen sie mit dieser langen Serie von Verbrechen, die ihr gesamtes weiteres Leben ausfüllte. Um unentdeckt zu bleiben, ermordeten sie alle, die sie ausraubten, und da sie sich keine andere geeignete Nahrung verschaffen konnten, beschlossen sie, von Menschenfleich zu leben. So nahmen sie, wenn sie einen Mann, eine Frau oder ein Kind niedergemetzelt hatten, diese mit in ihren primitiven Unterschlupf, schnitten sie in Stücke, salzten und marinierten ihre Gliedmaßen und machten sie als Dörrfleisch zu ihrem Nahrungsvorrat. Raubend und tötend lebten sie auf diese Weise lange genug, um zahlreiche Nachkommen zu zeugen, acht Jungen und sechs Mädchen, die ihnen ihrerseits mittels Inzest oder Metagenese zweiunddreißig Enkel, achtzehn männliche und vierzehn weibliche, bescherten.
Doch obwohl sie bald so zahlreich geworden waren, hatten sie oft mehr Nahrungsvorräte, als sie verzehren konnten, so viele Opfer schlachteten sie ab. In diesem Falle warfen sie nachts unweit ihrer Behausung Beine, Arme und andere eingepökelte und getrocknete Teile menschlicher Leiber in den Ozean.
Unter der wiederbelebenden Wirkung des jodhaltigen Meerwassers, das eine regelrechte Kraftbrühe aus Algen war, wurden manche von diesen Überresten wieder lebendig und vereinigten sich zu neuen Formen. Sie sind das Ausgangsmaterial der Seekühe, Robben und Pinguine, die man heutzutage mitunter an Frankreichs Küsten antrifft, ohne zu ahnen, dass diese Tiere die unglaubliche Reise aus ihrer heimatlichen Abgeschiedenheit bis zu den Gestaden unseres Vaterlands bewältigt haben.
Andere Körperteile wurden oft von der Flut an die Strände gespült und von den Menschen der Gegend aufgesammelt. Immer wenn das geschah, verbreiteten sich Bestürzung und Entsetzen unter den Bewohnern der Umgebung, deren Verwandte, Freunde oder Nachbarn den Höhlenbewohnern in die Hände gefallen waren, ohne dass sie hätten in Erfahrung bringen können, was aus ihnen und ihrer Habe geworden war.
Je vielköpfiger JARRYs Trupp wurde, desto mehr beteiligte sich jedes seiner Mitglieder an den Mordtaten, sobald es nur kräftig genug dazu war; so griffen sie manchmal vier oder sechs Menschen an, die zu Fuß unterwegs waren, aber nie mehr als zwei, wenn sie sich zu Pferd, per Fahrrad oder im Auto fortbewegten. Um ihnen jeden Fluchtweg abzuschneiden, legten sie rings um sie her Hinterhalte an, damit sie, wenn sie denen, die sie als Erste attackierten, entkamen, von anderen mit umso größerer Brutalität überfallen und unweigerlich umgebracht werden konnten. Auf diese Weise entging den Banditen ihre Beute nie, und sie wurden auch nicht entdeckt.
Am Ende brachten sie durch ihre Untaten die Bewohner der Gegend so sehr gegen sich auf, dass diese die Wälder und alle sonstigen Örtlichkeiten durchkämmten, an denen sich JARRYs Männer verstecken konnten; doch obwohl die Landbewohner immer wieder am Eingang der Höhle vorbeigingen, kamen sie nie auf den Gedanken, in sie hineinzugehen, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass darin ein menschliches Wesen wohnen sollte. In dieser Situation der Ungewissheit bezüglich der Urheber so häufiger Morde wurden auf Verdacht mehrere unschuldige Reisende und Gastwirte festgenommen, weil Personen, die verschwunden waren und nicht wieder auftauchten, kurz zuvor mit den einen gesehen worden oder bei den anderen eingekehrt waren. Infolge dieser drakonischen Maßnahmen und der Hinrichtung dieser Unschuldigen gaben die meisten Gasthausbesitzer der Gegend ihren Beruf auf und brachten damit die Reisenden, die sich noch dorthin wagten, in arge Bedrängnis.
Und der Landstrich entvölkerte sich.
Eines Abends jedoch kam es zu einem Ereignis, das geeignet war, diesem Grauen ein Ende zu setzen. Ein Mann und eine Frau, die von einem Volksfest in der Umgebung heimkehrten und beide auf demselben Pferd saßen, wurden von den unauffindbaren Wegelagerern angegriffen. Der Mann wehrte sich heftig; dennoch wurde seine Frau hinter ihm vom Pferd gezerrt, einige Schritte weit fortgeschleift, und dann riss man ihr vor seinen Augen die Eingeweise aus dem Leib. Entsetzt und verzweifelt verdoppelte er seine Gegenwehr, um nicht selbst getötet zu werden, und er streckte einige der Angreifer zu Boden, wo sie von seinem Pferd zertrampelt wurden. Zu seinem Glück kamen in diesem Augenblick zwanzig oder dreißig ebenfalls berittene Personen vorbei, auch sie auf dem Heimweg von dem Volksfest. Als sie näher kamen, flüchteten JARRY und seine Leute in einen dichten Wald und von dort in ihre Räuberhöhle.
Der Mann, der ihnen entkommen war, der Erste, dem dieses Glück zuteil wurde, berichtete den Ankommenden, was soeben geschehen war, und zeigte ihnen den verstümmelten Leichnam seiner Frau, der einige Schritte entfernt am Boden lag, denn die Banditen hatten keine Zeit gehabt, ihn mitzunehmen. Tief betroffen schafften die Reiter die Leiche sogleich nach Paris und erzählten das Geschehene in allen Einzelheiten dem Generalstaatsanwalt, der seinerseits an den Präsidenten der Republik schrieb, um ihn davon in Kenntnis zu setzen.
Wenige Tage danach begab sich der Generalstaatsanwalt, eskortiert von vierhundert Gendarmen, persönlich auf die Suche nach den Briganten. Der Ehemann der aufgeschlitzten Frau diente ihm als Führer; außerdem hatte man eine Meute von Spürhunden herbeigeschafft, um mit allen erdenklichen, selbst den unmenschlichsten Mitteln den Unterschlupf der Missetäter ausfindig zu machen. Dieser ganze Tross durchstöberte das bewaldete Gelände und suchte die Küste ab; er kam auch an der Grotte vorbei, aber ohne sich dort aufzuhalten, immer noch davon überzeugt, dass kein Mensch in diesem finsteren, abscheulichen Loch wohnen konnte.
Einige von den Spürhunden aber wagten sich in es hinein und begannen plötzlich zu bellen, so als witterten sie Beute. Durch ihr Ge-kläff aufmerksam geworden, kehrten der Generalstaatsanwalt und seine Helfer um; doch trotz dieses deutlichen Hinweises fiel es ihnen schwer zu glauben, dass ein menschliches Wesen an einem so stockfinsteren Ort lebte, dessen Eingang so zugewachsen und schwierig zu finden war. Aber da die Wachhunde immer lauter kläfften und sich weigerten, wieder herauszukommen, dachten alle, es sei vielleicht doch sinnvoll, das Loch bis in seine Tiefe hinein in Augenschein zu nehmen. Man besorgte sich Taschenlampen und ließ die Hunde vorangehen, und dann durchtreifte eine Vielzahl von Männern alle Windungen dieses finsteren, grauenerregenden Gewirrs, und so gelangten sie schließlich zu der geheimnisvollen Behausung derer, die sie jagten.
Die vorausgeschickten Kundschafter und dann die ganze übrige Schar, die ihnen folgte, waren angesichts des Schauspiels, das sich ihnen bot, wie vor den Kopf geschlagen, eines in Frankreich einmaligen Schauspiels, das man vermutlich aber auch in der gesamten übrigen Welt noch nie gesehen hatte: Da gab es ganze Reihen abgetrennter Beine, Schenkel, Hände und Füße von Männern, Frauen und Kindern, aufgehängt wie Stücke gesalzenen Rindfleischs; dazu, in Salzlake schwimmend, etliche andere Gliedmaßen und sonstige Klumpen von Menschenfleisch. Ferner lagen haufenweise Gold- und Silbermünzen umher, Taschenuhren, Ohrringe, Woll-, Tuch- oder Basinkleider sowie eine Unmenge wahllos auf einen Haufen geworfener oder an beiden Seiten der Grotte aufgehängter anderer Gegenstände. Auf die freien Stellen der Felswände waren große Fresken gemalt, die aus Flächen, Linien, geometrischen oder der Phantasie entsprungenen Formen bestanden, welche ausschließlich rot, grün, gelb und weiß gefärbt waren; die Höhlenmaler benutzten nämlich als Farbe nur aus den Leibern ihrer Opfer gewonnene Flüssigkeiten: das Rot ihres Blutes zum Beispiel, das Grün ihrer Galle und das Gold ihres Urins.
Alle versammelten Banditen, achtundvierzig an der Zahl, wurden verhaftet, das Menschenfleisch wurde im Sand des Meeresufers begraben, um die gewaltige Beute stritten sich die Büttel. Und der Generalstaatsanwalt nahm die ganze Bande mit nach Paris.
Der zugleich jämmerliche und so neuartige Zug, den sie bildeten, erregte die lebhafte Neugierde der Einwohner der Stadt, die scharenweise von überall her zusammenströmten, um die Mordgesellen vorbeiziehen zu sehen. Diese wurden samt und sonders in der Santé1 (Berühmtes Pariser Gefängnis; es grenzt an den Boulevard Arago, auf dem von 1909 an öffentliche Hinrichtungen stattfanden [Anm.d.Übers.]) eingesperrt, wo man eine vielköpfige Wache aufstellte, und tags darauf zur Hinrichtung auf den Boulevard Arago geführt. Dort wurden sie ohne Urteil hingerichtet, sei es weil man der Meinung war, es sei überflüssig, die üblichen Formen der Rechtsprechung auf sie anzuwenden, sei es weil man fürchtete, sich durch die womöglich stichhaltigen Erklärungsversuche der schändlichen Angeklagten unnötige Scherereien einzuhandeln.
Man ließ ihnen bei lebendigem Leibe die Misshandlungen angedeihen, die sie ihren Opfern zugefügt hatten. Man hackte ihnen Arme und Beine ab und ließ sie in diesem Zustand verröcheln, Männer, Frauen und Kinder. Weit davon entfernt, Bedauern oder Reue zu äußern, stießen die Gemarterten bis zu ihren letzten Zuckungen die abscheulichsten Verwünschungen gegen die Zuschauer und all diejenigen aus, die dazu beigetragen hatten, sie den Gewalttätigkeiten der Henker auszuliefern.
Doch in der Nacht, die auf die Hinrichtung folgte, fanden sich JARRY, DUCASSE und ihre Freunde auf der Suche nach ihren verstreuten Gebeinen wieder zusammen. Jeder fügte, von den anderen unterstützt, wieder sein eigenes Knochengerüst zusammen, hängte seine Eingeweide in es hinein - denn die Folterknechte hatten sie ihnen herausgerissen – und bekleidete es sodann mit den Muskeln, dem Fleisch und der Haut, die alle zu neuem Leben erwachten. Dann flohen sie und raubten, töteten, pökelten und aßen mehr als je zuvor.
Als sie mehr Vorräte hatten, als sie verzehren konnten – so viele Opfer schlachteten sie ab - , warfen sie nachts fernab ihrer Behausung Beine und Arme menschlicher Körper, vermengt mit furchteinflößenden Gebilden aus vertrauten Gegenständen, in den Ozean.
In Les deux sœurs (Brüssel), Nr. 2, 1946
Aus dem Französischen von H. Becker |