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Nachruf
F ranklin Rosemont, Lyriker, Verleger, Publizist und Historiker der amerikanischen
Arbeiterbewegung, ist am 12. April im Alter von 65 Jahren in seiner Geburtststadt Chicago
verstorben. Er war einer der aktivsten und politisch militantesten Surrealisten der letzten
Jahrzehnte.
1966 begegnete er in Paris André Breton. Nach seiner Rückkehr nach Chicago gründete er
dort mit seiner Frau Penelope die Chicagoer Surrealistengruppe, das erste Kollektiv dieser Art
in den USA, dem sich bald Autoren und Künstler wie Philip Lamantia, Gerome Kamrowski,
Paul Garon, Joseph Jablonski, Nancy Joyce Peters, Karl Bogartte u.v.a. anschlossen. Diese
Gruppe existiert bis heute und hat, mit Rosemont an der Spitze, im Verlauf der
zurückliegenden vier Jahrzehnte eine umfangreiche Aktivität – Ausstellungen und zahlreiche
Publikationen vor allem – entfaltet.
Rosemont, Sohn eines in der Arbeiterbewegung aktiven Chicagoer Elternpaars, war von
Beginn an selbst ein politisch kämpferischer Mensch. In den 60er Jahren gehörte er den
Industrial Workers of the World (IWW) und den Students for a Democartic Society (SDS) an
und war Mitarbeiter und Freund von Herbert Marcuse, Studs Terkel und anderen Vertretern
der amerikanischen Linken. Der Surrealismus war für ihn auch und vor allem eine Bewegung,
die radikal gegen Ungleichheit und Ungerechtigkeit in der Welt sowie gegen jede Form des
Rassismus opponierte. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Rosemont zu einem Spezialisten
der weitgehend unbekannten Geschichte der amerikanischen Arbeiterbewegung und der
politischen Linken in den USA. Heute gilt er als einer der profiliertesten Vertreter des
„anderen Amerika“, ein Mann, für den die Revolte gegen die etablierte Realität ein
selbstverständliches Gebot war.
In den 70er bis 90er Jahren gab Rosemont in Chicago die Zeitschrift Arsenal. Surrealist Subversion heraus, ein militantes Periodikum, in dem zahlreiche Surrealisten aus aller Welt
publizierten. 1976 organisierte er, ebenfalls in Chicago, die große Ausstellung Marvellous
Freedom – Vigilance of Desire, die Werke von 150 surrealistischen Künstlern aus 33 Ländern
präsentierte.
Danach übernahm und reorganisierte Rosemont mit seiner Frau das alte Verlagshaus Charles
H. Kerr, in dem seit dreißig Jahren zahlreiche Werke radikalen politischen Inhalts erschienen
sind. Ferner gründete er den surrealistischen Verlag Black Swan Press, der eine große Anzahl
poetischer Werke amerikanischer Lyriker publizierte. Er selbst brachte die folgenden
Gedichtbände heraus: The Morning of a Machine Gun (1968), The Apple of the Automatic
Zebra’s Eye (1971), Lamps Hurled at the Stunning Algebra of Ants (1990) und Penelope
(1997).
Ferner veröffentlichte er, neben zahllosen Zeitschriftenbeiträgen sowie Vor- und Nachworten,
folgende Bücher: André Breton and the First Principles of Surrealism (1978), An Open
Entrance to the Shut Palace of Wrong Numbers (2003), Joe Hill. The IWW & the Making of a
Revolutionary Workingclass Counterculture (2003) und Jacques Vaché and the Roots of
Surrealism (2008). Als (Mit-)Herausgeber brachte er eine Reihe weiterer Buchpublikationen
heraus: What is Surrealism? Selected Writings of André Breton (1978), Surrealism & Its
Popular Accomplices (1980), das Haymarket Scrapbook (1986), Isadora Speaks. Writings &
Speeches of Isadora Duncan (1994), The Forecast is Hot! Tracts & Other Collective
Declarations of the Surrealist Movement in the Unites States, 1966-1976 (1997), From
Bughouse Square to the Beat Generation (1997), Surrealism Against Whiteness (1998) und
The Big Red Songbook (2007).
Franklin Rosemonts Tod ist fraglos ein großer Verlust für die internationale surrealistische
Bewegung, die ja in einigen Ländern immer noch aktiv ist.
Heribert Becker
Franklin Rosemont
Gotischer Blues
D unkel dunkel
schimmern im Teich die Schatten
gesprungen wie ein Hund im Spiegel
der Glasflügel blutender Luft faltet
zwischen Jetzt und der Sekunde nachdem es zu spät ist
Da wird es weiße Tauben geben die durch Wasser fliegen
Du kannst sie mit Handschuhen berühren
Sie werden beinahe kalt sein
So etwas wie ein Fußboden auf dem
eine Damenhandtasche liegt leer und beinahe vergessen
für acht oder zehn Jahre
in den Seiten nicht näher bestimmter Magazine blätternd
mit Rezepten für unsichtbare Mahlzeiten die auf den Pfaden
einer verzögerten Panik bunmeln
Wo war die Kreuzung als ich mich umdrehen wollte
Steckte sie in einem Baum wie eine schweigende Glocke
über den Ziegen
oder war es unter der Oberfläche
ganz zu schweigen von der Erhabenheit
eines sandlosen Sees
Wasser das in den Ohren des Spiegelbilds glitzert
das ein Schwan wirft
oder die galoppierende Hilflosigkeit eines Automobils
das ein Eichhörnchenjunges jagt
weit fort
von seinem getarnten Schlupfwinkel
Übersetzung: Richard Anders |