Raymond Queneau (1903–1976)

Surrealistischer Text

D

ies soll euch genügen: Ich begegnete unweit der Place Clichy nahe der Rue de Rome, mit ihren Amethysthänden die Ziegelsteine eines im Bau befindlichen Hauses formend und – mit einer Anmut, die euch unwiderruflich und bis zu eurem Tod das rechte Herz vom linken trennt – dieser Tätigkeit nachgehend mit Absichten, die jedem im Studium der Klassiker des Verbrechens gereiften Geist unbegreiflich sind, ich begegnete, sage ich, der Frau mit der messerscharfen Vagina.

Vielleicht kennt ihr diese Geschichte nicht: Fünf Herumtreiber, die das ganze Elend eines der Sozialfürsorge zum Fraß hingeworfenen Stadtviertels in ihren Taschen trugen, schnappten sich eine junge, begehrenswerte Frau und schleppten sie hinter einen Bretterzaun, und während seine vier Kumpane sie fest zu Boden drückten, versuchte einer von ihnen, sie zu vergewaltigen, doch kaum hatte er seine Rute in ihr Geschlecht gesteckt, das rosafarbener war als eine Fabrik bei Tagesanbruch, da fuhr er jäh wieder hoch: Seine Rute war direkt an den Eiern abgetrennt, und er heulte so ohrenbetäubend laut, dass alle Schiffe auf sämtlichen Weltmeeren mit all ihrem Mastwerk erbebten, und sein Blut floss prachtvoll über alle Straßen Europas, langsam, systematisch und würdevoll sich ausbreitend, um sich schließlich ins Meer zu ergießen, wo es die Krustentiere mit einem Rot färbte, das nicht beliebig war.

Dieser Frau mit den dunklen Augen bin ich gestern begegnet, wie ich schon weiter oben sagte, aber meine Rute habe ich noch, denn ich habe sie von hinten genommen, und ihr Anus besitzt nicht die bewun-dernswerte Schneidefähigkeit ihrer Vagina. Aber warum muss denn die Hoffnung wieder ihren Bandwurmkopf über den Unrat erheben, in dem ich sie begraben habe? Du bist also nicht tot, Kobra mit den be-laubten Lippen? Dabei glaubte ich doch, dass alles gesagt sei, dass es vorbei sei mit meinem Leben, und du, kleiner Despot mit den unbe-ständigen Mauerbögen, du kommst daher und erinnerst mich nochmals daran, dass eine neue Pendelbewegung mein Schicksal VIELLEICHT zu besseren Leiden sich hinneigen lassen wird, nur VIELLEICHT, und so bist du im Grunde – du, blanker als das Messer, das ins Fleisch ein-dringt – nur eine Form jenes schönen, schwarzen Vogels, der Krallen hat, die den Fingernägeln der Frauen ähneln – und dessen Namen ich euch nicht nennen werde, denn wenn ihr ihn nicht erraten habt, ist es nutzlos, ihn euch zu verraten, denn er würde die dünne Kruste eurer Moral ankratzen. Nun, wenn es so ist, dann soll die Verzweiflung – das ist der in den Äther geschleuderte Meteorit – eure Kruste ankratzen, immer und immer wieder, und eure Moral soll so schrumpelig werden wie ein in Margarine gebratenes Präservativ.

um 1927
Übers. Heribert Becker für Surrealistische Erzählungen


Raymond Queneau war ein französischer Dichter und Schriftsteller. Sein bekanntestes Werk ist der Roman Zazie dans le métro. Er war Mitglied der Pariser Surrealistengruppe (Anm.).