Joyce Mansour (1928–1986)

Der Minnediener

E

in Mann (für mich hieß er Marius, das beste Lachen rollt auf abgefahrenen Reifen), der eines Tages nach Lust und Laune umherpromenierte, verliebte sich Knall auf Fall in eine schöne Reiterin, die er in einer Allee des Wäldchens flüchtig erblickt hatte. Eigentlich ist das Wort »Wäldchen« viel zu hochtrabend als Bezeichnung für die paar Bäume, die zwischen der Hauptstraße (ihren Zeitungskiosken, ihren Erdnußverkäufern) und dem Kanal auf und ab wanderten, doch es geschah unter diesen Blättern, auf halbem Wege zwischen Bahnhof und »Café de la Poste«, und nirgends sonst, wo Marius zum ersten Mal Christines ansichtig wurde. Schön war sie hoch zu Roß und in seinen Augen sogleich eine große Dame.

Marius lief zu seinem Freund K. und berichtete ihm von seiner Entdeckung: »Ich bin verliebt«, brüllte er. »Was soll ich tun?«

K. (zerzaust
im Bett
sitzend

bestimmt): »Kein Problem, lieber Freund. Wie der heilige Paulus sagt: ›Gebunden bist du frei.‹ Also leih’ dir ein Pferd. Schiebe deinen Fuß in den Steigbügel und presche auf den Hufen einer von tausend anderen müde gerittenen Schindmähre dem Abenteuer entgegen. Im Rhythmus eines atemlosen, doch ach so romantischen Galopps wirst du die Bekanntschaft der Geliebten machen. Du wirst dein Reittier im Schatten der Telegraphenstangen zum Stehen bringen. Du wirst reden, wirst Scherze machen, wirst auf die Natur zu sprechen kommen; wenn sie dann, verzaubert von deinem Gefasel, zuhört, ohne zu erröten noch den Kopf abzuwenden, wirst du den Schwall deiner ungebührlichen Worte unterbrechen, und vielleicht wird sie sich ein Zwinkern, ein kleines Geschenk gefallen lassen. Du wirst sehen. Dann wirst du deiner schönen Freundin Tag für Tag nachstellen – rittlings, so wie sie auf den Traditionen herumreitet und selbst von der Langeweile geritten wird. Du wirst unterm Laubdach der Vögel, der Biene zu ihr sprechen. Du wirst ihren Erinnerungen lauschen, wirst dir deine eigenen ausdenken, wirst minniglich ihre kleinsten Wünsche erfüllen… Monate werden vergehen, Jahre sogar, und eines Tages wirst du’s wagen, sie zum Abendessen einzuladen.«

Marius tat wie geheißen. Er lieh sich ein Pferd, und nach allerlei komplizierten Manövern gelang es ihm, den Weg des holden Wesens zu kreuzen, das er eines Tages zu seiner Geliebten zu machen gedachte.

»Ich bin«, schrie Marius seinem Freund wutentbrannt ins Gesicht, »mitnichten der einzige Mann, der in den staubigen Alleen dessen spazierenreitet, was ich das Wäldchen zu nennen beliebe. Sie hat mich gar nicht bemerkt!«

»Sei geduldig und zäh«, entgegnete K. ungerührt. »Mach’ auf dich aufmerksam, bemale den Schwanz deines Pferdes, falle ihr tot vor die Füße, was weiß ich: sei außergewöhnlich! Bring’ ihre schönen Augen zum Glänzen, und sie wird dir ein Lächeln schenken; du mußt neben ihr her gehen, die Hand auf ihrem Steigbügel, ein von deiner Beute mit der Reitpeitsche angetriebener frohlockender Verführer. Jahre, spießbürgerlich und bukolisch, werden auf diese Weise dahingehen mit gefühlsseligen Spazierritten und verliebten Blicken, wild in den Wind gestreut wie lauter Blütenpollen. Du wirst sie zum Diner ins beste Restaurant einladen...«

Tags darauf bemalte Marius den Schwanz des Pferdes in schönem Quietschgelb und lauerte sodann, hinter einer behelfsmäßigen Baumgruppe versteckt, auf das Erscheinen seiner Schönen. Doch blind für das Geheimnis des aufgeputzten Tieres, stieg sie wortlos auf dasselbe und sprengte singend davon, denn danach war ihr zumute.

Marius gab nicht auf. Er bemalte die vier Beine, die Kruppe, die Ohren und sogar den Kopf des Pferdes. (Das Weiß der Augen war bereits gelb, frönte das Tier doch einer gewissen Neigung zum Kaffee.) Aber die Schöne bemerkte immer noch nichts von der Metamorphose ihres Reittiers. Am zwölften Tag goß Marius seinen Farbtopf über dem leuchtenden Sonnenpferd aus und versteckte sich, ohne Hoffnung, wie gewöhnlich hinter der lächerlichen Baumgruppe. »Wer hat mein Pferd gelb angestrichen?« rief die Amazone überrascht, als sie die Lichtung betrat. »Das war ich«, sagte Marius, glücklich, daß er bemerkt worden war. »Ich war’s«, wiederholte er und kam aus seinem Versteck hervor. »Ficken wir?«


Diese Erzählung entstammt Joyce Mansours literarischem Nachlaß; möglicherweise ist sie nicht ganz vollendet worden (Anm.d.Übers.).
Joyce Mansour, geb. Joyce Patricia Adès, war die in Schottland geborene Tochter jüdisch-ägyptischer Eltern. Sie betätigte sich als Lyrikerin, vorwiegend in französischer Sprache und war an den Aktivitäten der Pariser Surrealistebgruppe beteiligt (Anm.).

Aus dem Französischen von H. Becker