Alain Joubert (1936–2021) |
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Der Sinn für Feste ![]() E s ist Sommer. Drei Uhr morgens. Sie liegt allein und nackt auf ihrem zerwühlten Bett. Die Laken haben alles Kühle verloren und kleben an ihrer Haut. Sie ist immer noch nicht eingeschlafen und meint, nun sei es zu spät dazu. Ihr Körper, den sie im Halbdunkel des Zimmers erkennt, ist ihr lästig: sowohl wenn sie auf dem Bauch liegt, die Arme unter dem Kopfkissen abgewinkelt, als auch wenn sie auf dem Rücken liegt, schräg über dem Bett, als auch wenn sie sitzt, die Knie unterm Kinn. Es nutzt alles nichts, die summende Hitze ist überall. Da ihr Körper sich derart in den Vordergrund drängt, muss sie dem Rechnung tragen. Sie steht auf, greift nach einem leichten Morgenrock, zögert, lässt ihn wieder fallen. Sie hat das Bedürfnis hinauszugehen. Sie muss hinaus, so wie sie ist. Hand auf der Türklinke, Kopf im Türrahmen und ein Blick, der die Schatten im Korridor prüft. Ängstlich pirscht sie bis zur Treppe. Um diese nachtschlafende Zeit besteht kaum Gefahr, dass ihr jemand begegnet. Darauf legt sie auch gar keinen Wert, sie wünscht nicht, gesehen zu werden. Im Gegenteil. Was sie möchte: so lange wie möglich mit einem von allem Hemmenden freien Körper durch die benachbarten Straßen laufen. Ohne Nylon- und Seidenumhüllung das Gewicht der Stadt auf sich spüren. Sich mit gelösten Haaren außerhalb der Fußgängerüberwege tummeln. Sich verstecken, wenn sie jemanden sieht, um noch mehr von dem Fest zu haben, das sie sich selber gibt. Natürlich weiß sie, dass hinter den Fenstern bisweilen Gesichter auftauchen werden. Doch sie wird sie nicht sehen, wird also auch nicht das Gefühl haben, gesehen zu werden. Sie wird sich nicht als »gesehen« sehen. Darauf ist sie aus. Die Nacktheit ihres Körpers ist eine Herausforderung an die Stadt und zugleich eine Huldigung. Der Beton, der Stahl, der Backstein, Nickel, Bronze und behauener Stein werden, dienstbar gemacht, ihr Geschmeide werden. Im Gegenzug werden sie Straffheit ihrer von der warmen Juliluft liebkosten Brüste, der am Rand ihrer Schenkel beginnende tropische Urwald, die Mulden an den Lenden und die Festigkeit der Hinterbacken an einem schwellenden Körper der menschenleeren Stadt die Dimension verleihen, die sie oft in ihr ahnt, ohne sie jemals wirklich zu finden. Sie ist die vier Stockwerke hinabgegangen. Am Ende dieses Weges der Hauseingang. Sie hat darauf geachtet, nicht die Treppenhausbeleuchtung einzuschalten. Die Steinplatten im Durchgang zur Haustür kontrastieren mit dem Teppich im Treppenhaus. Sie fröstelt sogar. Als sie auf den Knopf drückt, der die massive Tür aufspringen lässt, weiß sie, dass sie nur für sich eine sehr bedeutsame Unternehmung realisieren wird. Die Nacht ist noch pechschwarz. Kein Mensch ist in dem Viertel, in dem sie wohnt, um diese Zeit auf den Beinen. In der unmittelbaren Umgebung gibt es für Nachtschwärmer weder Kneipe noch Bar noch Restaurant, denn die Leute, die überwiegend vom frühen Morgen an arbeiten, gehen zeitig nach Hause. Zudem haben bereits die Ferien begonnen. Sie tritt über die Schwelle, stellt sich, die Hände in die Hüften gestützt, mit gespreizten Beinen mitten aufs Trottoir und atmet gierig die Nachtluft ein. Ihr Herz schlägt schneller, doch das scheint ihr normal zu sein. Sie bewegt den Kopf hin und her, so dass ihr schwarzes Haar ihre Schultern fegt, betrachtet ein zwischen zwei Häusern sichtbares Stück Sternenhimmel und verspürt tief in sich ein leichtes Schwindelgefühl. Das gegenüberliegende Ufer des Boulevards lockt sie. Gelassen überquert sie die Straße, bleibt mitten auf der Fahrbahn einen Augenblick stehen, stellt keinerlei Bewegung fest und geht weiter. Am anderen Ufer beschließt sie, sich bis zur ersten Straße links vorzuwagen. Ab und zu läuft sie ein kleines Stück, denn es macht ihr Spaß, ihre Brüste hüpfen zu sehen und zu spüren, wie die Muskeln ihrer Oberschenkel abwechselnd fest und hart werden. Schon ist sie an der Straßenecke und will abbiegen. Ein Blick. In einiger Entfernung das Röhren eines Mopeds. Es kommt näher. Sie weicht zurück, drückt sich an die Schaufensterscheibe eines Bäckerladens, hält überflüssigerweise, nur zum Spaß, den Atem an und wartet. Das Moped flitzt vorbei, der Mann, der darauf sitzt, hat sie nicht gesehen. Der Zwischenfall hat ihre Lust mit einem Mal vervielfacht. Das Erlebnis gewinnt Sinn und Bedeutung, sein Nutzen steht fest. Wieder die Straßenecke; diesmal biegt sie ab. Sie ist glücklich, sich so herumzutreiben, erreichbar und doch versteckt, ohne erkennbare Verteidigungsmöglichkeit und doch keine ungelegene Begegnung wünschend. Sie nimmt die Maße der Stadt, und ihr Körper ist das Eichmaß eines Wahrnehmungssystems, von dem die anderen nichts wissen. Linker Hand eine Straße. Sie geht hinein. Ein Stück weiter, auf der anderen Seite, kontrolliert ein Wachmann die Tür eines Elektrogeschäfts. Er kehrt ihr den Rücken zu. Der Mann stört sie nicht weiter, denn sie wird bereits an ihm vorbei sein, wenn er seine Runde in der Gegenrichtung fortsetzt. Sie geht das Risiko ein und tippelt weiter, ohne sich irgendwie verbergen zu wollen. Die Dunkelheit weicht allmählich, und bald werden sich die ersten Morgennebel ausbreiten. Auch die Luft wird kühler. Sie muss etwas tun. Sie bleibt vor einem Hausportal stehen, das nur angelehnt ist, stößt es ganz auf, bemerkt, dass es in einen Hof führt, und geht hinein. Vier Bäume stehen dort. Die tief herabhängenden Äste eines von ihnen gestatten es hinaufzuklettern; das tut sie auch. Die Rinde kratzt an der Haut ihres Bauchs und ihrer Schenkel. Drei Meter über dem Boden schaut sie aufmerksam auf die Fesnster im ersten Stock. Mehrere stehen offen, aber nur wenige gehören zu Wohnräumen. Enttäuschung. Sie erspäht nur einen einzigen Schlafenden und hatte doch gehofft, sehr viele zu sehen – oder besser: irgendeinen an Schlaflosigkeit Leidenden, der gerade von seinem Gebrechen gequält würde. Schritte auf dem Kies im Hof. Ein Mann geht mit gesenktem Kopf auf den Treppenaufgang B rechts von dem Baum zu, auf dem sie sitzt. Aber auch er wird sie nicht sehen. Diese Situation steigert die Intensität ihres Erlebnisses. Sie ist glücklich, noch glücklicher, und fühlt, wie ihr Körper sich weitet und öffnet. Die Helligkeit nimmt zu, es ist Zeit, dass sie zurückkehrt. Sie springt von dem Baum, läuft zum Hauseingang zurück und stürmt ohne jede Vorsichtsmaßnahme munter auf die Straße hinaus, wo sie prompt mit einem Passanten zusammenprallt. Der Mann, etwa dreißig, sperrt Mund uund Nase auf und bleibt wie angewurzelt stehen. Sie sieht ihn an, lacht schallend und rennt weiter zu der Straße links, die zu dem Haus führt, in dem sie wohnt. Also ist sie doch gesehen worden. Ganz zufällig, ohne dass sie versucht hätte, sich zu zeigen. Aber jetzt muss sie sich beeilen. Die Anstrengung macht sie ganz benommen. Der Mann hat sich immer noch nicht vom Fleck gerührt, stellt sie fest, als sie sich umdreht. Er starrt dieser Gestalt nach, die atemlos vor ihm davonläuft. Vielleicht begreift auch er die Wichtigkeit dieses Augenblicks. Werden aus dem Unternehmen zwei Eingeweihte hervorgehen? Das fragt sie sich, als sie schwer atmend die Haustür passiert. Sie möchte es. Die Treppe. Schnell die vier Stockwerke hinauf. Durch die angelehnte Wohnungstür, die sie hinter sich zuzieht und an die sie sich einen Augenblick lang mit dem Rücken anlehnt. Der Atem wird ruhiger, geht wieder regelmäßig und hinterlässt einen Geschmack wie von Zucker im Mund. Die Schleimhäute brennen. Sie lässt sich auf die kühlen Laken fallen, die jetzt zu kühl sind, denn der Morgen ist da, streicht ihr mit einer einzigen Bewegung über die Stirn, die Wangen, den Hals, die Brüste, den Bauch, das Geschlecht und die Schenkel. Ein langer Seufzer dringt aus ihrem Mund, dann schläft sie ein, erregt und gelöst zugleich. In La Brèche. Action surréaliste (Paris), Nr. 8, Nov. 1965 Alain Joubert war ein französischer Schriftsteller und Mitglied der Pariser Surrealistengruppe. (Anm). |
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