Irène Hamoir (1906–1994)

Romantische Adéla

D

ie Menschen tragen ihren Schatten wie eine Auszeichnung mit sich herum.

Ich* aber hielt Adéla in meinem Zimmer eingesperrt. Wäre sie mir nach draußen gefolgt, hätten die einen sie mir weggenommen, andere hätten sie ausgelacht. Deshalb hielt ich Adéla eingesperrt in meinem Zimmer.

Eines Nachmittags, als ich von einem Ausflug zurückkam, teilte sie mir mit, sie habe es satt, ständig auf mich zu warten: Sie wolle selbst über Felder und Fluren streifen. Dicht hinter den Gardinen stehend, blickte sie hinaus auf die Stadt. Ich sah ihren Rücken – sie war ganz nackt – , einen festen, zarten Jünglingsrücken. Sie stand auf den Zehenspitzen, hoch aufgerichtet, die Arme emporgereckt – um die Linie der Finger verlängerte Arme. Das zarte Goldgelb ihres Fleisches, ihre hautfarben schimmernden Haare machen mich zur flehenden Bittstellerin: «Mein hübscher kleiner Teufel.« Sie wendet sich um. Oh Adéla, ihre Brüste glänzen, und ihr kleines Männergeschlecht unter dem Bauch ist gelb und blank. Ihre kalten Augen vergessen zu blicken. Ich höre: »Das Wetter muss trocken sein«, doch wer spricht da, mein Gott, woher kommt die Stimme?

Die Tür ist hinter der Treulosen ins Schloss gefallen. Angst schnürt das reglose Zimmer zusammen.

E

s war in jener Nacht zweimal zwei Wochen her, dass meine Freundin mich verlassen hatte; vergebens hatte ich, um sie wiederzusehen, überall sorgsam nach ihr gesucht, war durch finstere Säle und über menschenleere Plätze gestreift, hatte zu den hohen Mauern in den Avenuen, zu den Winkeln in den Gassen gesprochen.

Meine steinerne Stirn an die Fensterscheibe gedrückt. Adéla, mein teurer Schatten, wirst du denn gar nicht aus den blauen Abgründen zurückkehren, in denen die Männer – los hombres – mit den zwei Gesichtern leben? Da ist, so weit das Auge reicht, eine Stadt, die sich als Nebelteppich ausdehnt. Ein Fluss durchschneidet sie in ihrer Mitte. Ein aschfarbenes Licht von mondartiger Durchsichtigkeit liegt über ihr, ein zitternder Rußschleier. Ein wirres Getöse vermengt die Geräusche miteinander.

Als ich Adéla in dieser Verschwommenheit erkenne, dringt mir ein bleiernes Grauen in die Adern, das Entsetzen rings um mich her rollt sich zusammen, und ich schließe die Augen.

Gleich wird die Stadt nicht mehr dieselbe sein.

S

tunde um Stunde habe ich gewartet, dass sie zurückkommt, und gestern habe ich geglaubt, ich bekäme sie zu fassen, aber nein – ist es der Flügelschlag meines schwarzen Schicksals? – , auch diesmal habe ich sie nicht berührt. Sobald sie mir am anderen Ende dieses trostlosen Weges erschienen ist, habe ich meine Schwester erkannt.

Der auf seinen Hinterpfoten stehende blonde Windhund ist in ein milchfarbenes Frauenkleid gehüllt, das weit und fließend die Beine bis hinab zu den zarten Pfoten bedeckt. Mit der rechten Vorderpfote, die in dem weiten Ärmel des Kleidungsstücks steckt, schwingt er einen großen dreieckigen Dolch. Der Windhund befindet sich ganz genau an der Straßenecke, und auf was er einsticht, ist mir durch eine Hauswand verdeckt. Jedenfalls ist es ein Wesen aus Fleisch und Blut, auf das er da losdrischt, denn mit jedem Stoß des Hundes spritzt Blut auf, das ihn heftig besudelt. Sein albides Fell bedeckt sich mit purpurroten Spritzern. Und auch der Kopf, der süße Kopf Adélas, ist bald über und über rot.

Ich möchte davonlaufen – und rühre mich nicht von der Stelle. Das Entsetzen nagelt mich auf den Fliesen fest. Eine große, schwarze Sonne löscht das Land aus.

I

ch war, glaube ich, allein in dem stillen Park von Camperdu, in dem ich, an meine junge Geliebte denkend, im Spazierschritt niedergeschlagen umherging. Der lauwarme Wind streichelte die Bäume, und die veilchenübersäten Rasenflächen suchten zu gefallen. Doch leider mochte mein ruheloses Herz an diese Ruhe nicht glauben, es trauerte Adéla nach: »Mein Durst mit den Vogelaugen.«

Plötzlich schießt ein Vogel mit prächtigem Gefieder auf die Sandallee herab, ein fantastischer Smaragd aus Federn, zimtfarben, indigoblau, azurfarben und hellrosa gefleckt. Vor Freude glühend, stürze ich zu dem Vogel hin, doch der fliegt wieder auf und setzt sich auf das Ende eines jungen Zweiges. Wieder renne ich los, er aber lässt sich zu Boden fallen, schwebt dann mit weiten Flügelschlägen wieder empor, streift dabei fast den Sand der Allee und lässt sich schließlich auf dem veilchenblauen Rasen nieder.

Erneut nahm ich seine Verfolgung auf, und der Vogel purzelte durch die Blumen, flog dann ein Stück weiter. Er fliegend, ich laufend – so trieben wir es lange, bis zur Erschöpfung. Der Vogel wurde dabei immer zerzauster, das glänzende Gefieder verlor seine Farben, die Flügel hingen herab wie Fetzen.

Als endlich in ihrem erbärmlichen Triumph meine Handfläche auf den Vogel fiel, verlor er seine Gestalt. Und ich nahm den leichten Federfächer aus meiner Hand, ein Fächer, der sich verhärtete, zu einer Pflanze mit dunkelgrünen Blättern wurde, sich weiter verhärtete und zu einem Bündel langer, spitzer Klingen wurde. Meine scharfe Beute an mich drückend, flüchtete ich aus dem Park.

Hinter mir schließt sich plötzlich das Gitter. Ich habe Adéla, meine Komplizin, den geheimen Schatten meines Schlafes, wieder.

* Dieses «Ich« ist eine Frau (Anm.d.Übers.).

In L’Invention collective (Brüssel), Nr. 2, April 1940
Aus dem Französischen von H. Becker für Surrealistische Erzählungen


Irène Hamoir war eine belgische Dichterin und Romanautorin und eine wichtige, weibliche Vertreterin des Surrealismus in ihrem Land. Als Ehefrau von Louis Scutenaire taucht sie in seinen Schriften immer wieder unter dem Namen „Lorrie“ auf. Sie ist auch in mehreren Zeichnungen und Gemälden von René Magritte zu sehen (Anm.).