Óscar Domínguez (1906–1958)

Die beiden, die sich begegnen

Für Maud

M

it mathematischer Präzision, verstörender Regelmäßigkeit, beängstigender Exaktheit, millimetergenauer Pünktlichkeit begegnen sich die beiden, die sich begegnen, die sich immer mit sehr mathematischer Präzision, sehr verstörender Regelmäßigkeit, sehr beängstigender Ex­akt­heit, antipoetisch millimetergenauer Pünktlichkeit begegnen, der eine von Norden kommend und der andere von Süden, begegnen sich, sage ich, die beiden, die sich begegnen.

Sie begegnen sich immer genau in der Mitte der Place de la Bastille, der eine von Norden kommend und der andere von Süden, ganz exakt um eine Minute nach fünf.

Der Erste trägt den Vogel, der Zweite den Pfeil.

Nichts verhindert diese Begegnung, weder das von Sirenen bewohnte Gewitter mit dem Alarm der Blitze, noch die Revolution, immer voran, rot und schön, Lächeln und Tränen eines wie der große Herr des Raums vor dem Feind Nr. 1 ausgerichteten Revolvers, noch die Erstürmung der Bastille, wenn der Turm zum Kartenspiel wird, in welchem der König herabfällt wie eine Zigarettenkippe, noch die Sonnenfinsternis, Trumpffarbe schwarz.

Immer schon seit dem Jahre des Heils 1702, seit dem Tag des großen Kometen begegnen sich die beiden genau in der Mitte der Place de la Bastille.

Solange sie sich auch begegnen, niemand sieht sie: Die Geschäftsleute fahren im Auto vorbei, die Zeitungshändler auf dem Fahrrad, die Verliebten gehen Hand in Hand vorüber, die Geizhälse mit einem Geldstück fest in der linken Faust.

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E

in Mann hinter seinen Fensterscheiben, ein hoch gewachsener Greis, ein Tüftler, arbeitet in seinem dreieckigen Zimmer an der Place de la Bastille an der Entwicklung einer ingeniösen Maschine, die das Perpetuum mobile verwirklichen soll: ein merkwürdiger, auf dem Prinzip des Magnetkompasses beruhender Apparat, in dem sich zwei Zinnkugeln auf ewig begegnen. Diese Maschine, vergoldet, versilbert und in ein lackiertes Mahagonikästchen eingeschlossen, steht vor dem Fenster. Zwanzig von vierundzwanzig Stunden am Tag sitzt Monsieur Robson vor seiner Erfindung, an ihr hantierend, neue Teile einbauend, die alten aufpolierend. Sein Blick ist durchdringend, manchmal verträumt; es kommt vor, dass er verzweifelt den Apparat nimmt und auf den Boden wirft. Die Einzelteile rollen in die drei Ecken des Zimmers, und es dauert mehrere Monate oder mehrere Jahre, bis der Schaden behoben ist.

Eines Tages, ganz exakt um eine Minute nach fünf, sieht er hinter seinen Zinnkugeln die beiden, die sich begegnen, wie sie gerade dabei sind, sich zur gleichen Zeit zu begegnen wie seine Kugeln.

Er stutzt und wartet Stunde um Stunde, bis zum nächsten Tag um eine Minute nach fünf. Da sieht er freudig erregt wieder die beiden, die sich begegnen, wie sie gerade dabei sind, sich zur gleichen Zeit zu begegnen, da sich die beiden Kugeln begegnen.

Er begreift das Phänomen. Er hat in der Mitte der Place de la Bastille das Perpetuum mobile gefunden. Er zertrümmert endgültig seine Maschine und ist von diesem Tag an täglich um eine Minute nach fünf an seinem Fenster, um dieses merkwürdige Zusammentreffen zu beobachten.

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Monsieur Robsons Traum

E

in Wolkenbruch; ein Segelschiff schießt wie ein Vogel quer durch den Regen.

Pfeil und Vogel bewegen sich vorwärts, ein Blitz erhellt eine kosmische Landschaft.
Diese Landschaft wird von einem Rechteck zerschnitten, das einer Kinoleinwand ähnelt.
Im Halbdunkel spielt sich auf ihr die folgende Szene ab:
Die Mitte der Place de la Bastille. Links, weit in die Tiefe hinein, Ausblick auf eine weiße Mauer, auf der ein Plakat zu sehen ist, auf welchem in großen Buchstaben das Wort SCHREIBEN steht.

Rechts ein riesiger Obelisk, an dem übereinander Frisörladenkugeln, Ladenschilder von Tabak-, Flickschuster-, Schuhmachergeschäften usw. hängen.

In Großaufnahme erscheinen von links und von rechts die beiden, die sich begegnen, der eine von Norden kommend, der andere von Süden. Sie begegnen sich und verschwinden auf den beiden Seiten der Leinwand.

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D

as Donnern der Kanone weckt Monsieur Robson, und sehr gedankenvoll grübelt er über seinen Traum und dessen Verbindungen zu dem, was er von seinem Fenster aus gesehen hat.

Er kommt zu dem Schluss, dass dieser Traum eine Frage aufwirft. Daher stellt er genau in der Mitte der Place de la Bastille ein rundes, einbeiniges Tischchen auf, wie es Taschenspieler benutzen, und legt eine Frisörladenkugel darauf.

Um eine Minute nach fünf begegnen sich die beiden, ohne etwas zu bemerken.
Tags darauf legt er ein Tabakladenschild auf den Tisch.
Um eine Minute nach fünf begegnen sich die beiden, ohne zu reagieren.

Nach allen möglichen Ladenschildern versucht er es mit anderen Dingen: Revolvern, Pfeilen, toten Vögeln, Spiralen, kleinen Kieselsteinen, verwelkten Blumen, Kreuzdamen usw., bis zu dem Tag, an dem er sich an das Plakat aus seinem Traum erinnert und zwei prachtvolle amerikanische Füllfederhalter von der Sorte, die 2 Jahre und 20 Kilometer schreiben kann, ohne dass man Tinte nachfüllen oder ihn austau-schen muss, auf das runde, einbeinige Tischchen legt.

Das ist der schönste Tag in Monsieur Robsons Leben. Um eine Minute nach fünf bleiben die beiden, die sich begegnen, genau in der Mitte der Place de la Bastille stehen, stürzen blitzartig zu dem Tischchen, nehmen jeweils einen der genannten Füllfederhalter und gehen wieder fort, der eine nach Norden, der andere nach Süden.

Am nächsten Tag, ganz exakt um eine Minute nach fünf, lassen die beiden, die sich begegnen, genau in der Mitte der Place de la Bastille zwei mit einem Bleisiegel beschwerte Pergamentrollen auf das einbeinige Tischchen fallen, und Monsieur Robson stürzt hin, um zu sehen, was darauf steht.

Von diesem Tag an bringen die beiden, die sich begegnen, täglich ihre Botschaften in Umlauf.

Übers. Heribert Becker für Surrealistische Erzählungen


Óscar Domínguez Palazón war ein spanischer Künstler des Surrealismus (Anm.).