Georgio de Chirico (1888–1978) |
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Traumprotokoll ![]() V ergeblich ringe ich mit dem Mann mit den trüben, sehr sanften Augen. Jedes Mal, wenn ich ihn umklammere, befreit er sich, indem er sacht seine Arme wegspreizt, und diese Arme sind von einer unerhörten Kraft, einer unberechenbaren Stärke; sie sind wie Hebel, gegen die kein Kraut gewachsen ist, wie jene allmächtigen Maschinen, jene riesigen Kräne, die über dem Gewimmel der Baustellen ganze Teile schwimmender Festungen mit Geschütztürmen, so schwer wie die Zitzen vorsintflutlicher Säugetiere, in die Höhe hieven. Vergeblich ringe ich mit dem Mann mit dem sehr sanften, trüben Blick; aus jeder Umklammerung, so erbittert sie sein mag, befreit er sich sacht und lächelt dazu und spreizt kaum seine Arme auseinander... Es ist mein Vater, der mir so im Traum erscheint, und trotzdem ist er, wenn ich ihn ansehe, nicht ganz so, wie ich ihn zu seinen Lebzeiten, in der Zeit meiner Kindheit, erlebt habe. Aber er ist es; in seinem ganzen Gesichtsausdruck ist etwas wie aus weiterer Ferne, etwas, das womöglich schon vorhanden war, als ich ihn lebend sah, und das mir jetzt, nach mehr als zwanzig Jahren, in seiner ganzen Kraft erscheint, wenn ich ihn im Traum wiedersehe. Der Ringkampf endet damit, dass ich aufgebe; ich verzichte; dann verschwimmen die Bilder; der Fluss (der Po oder der Peneios*), von dem ich während des Kampfes das Gefühl hatte, als flösse er nicht weit von mir vorbei, wird dunkel und trübe; die Bilder verschwimmen, als seien Gewitterwolken ganz tief auf die Erde herabgesunken; es hat ein Intermezzo gegeben, während dem ich vielleicht noch träume, aber ich erinnere mich an nichts als an ein banges Suchen entlang dunkler Straßen, doch plötzlich wird der Traum wieder klarer. Ich befinde mich auf einem Platz von großer metaphysischer Schönheit; vielleicht ist es die Piazza Cavour in Florenz; oder vielleicht auch einer dieser sehr schönen Plätze in Turin oder womöglich weder das eine noch das andere; auf einer Seite sieht man Säulengänge und darüber Wohnungen mit geschlossenen Fensterläden und festlichen Balkonen. Am Horizont sind Hügel mit Villen zu sehen; über dem Platz ist der Himmel sehr klar, rein gewaschen vom Gewitter, dennoch spürt man, dass die Sonne sinkt, denn die Schatten der Häuser und der sehr wenigen Passanten fallen sehr lang auf den Platz. Ich blicke zu den Hügeln hinüber, wo sich die letzten Wolken des abziehenden Gewitters zusammenballen; die Villen sind stellenweise ganz weiß und haben, gegen den an dieser Stelle tiefschwarzen Vorhang des Himmels betrachtet, etwas Feierliches und Grabmalhaftes. Plötzlich befinde ich mich in den Säulengängen, mitten in einer Gruppe von Personen, die sich vor der Tür einer Konditorei mit Regalen voller bunter Kuchen drängen; die Menge schubst und schiebt und schaut ins Innere, wie vor den Türen der Apotheken, wenn man dort einen verletzten oder auf der Straße unpässlich gewordenen Passanten hineinträgt; aber jetzt, da auch ich hineinschaue, sehe ich von hinten meinen Vater, der mitten in der Konditorei steht und einen Kuchen isst; ich weiß jedoch nicht, ob die Menge sich seinetwegen so drängt; mich überkommt ein gewisses Angstgefühl, und ich möchte nach Westen in ein neues, gastfreundlicheres Land fliehen, und gleichzeitig suche ich unter meinen Kleidern nach einem Messer oder einem Dolch, denn ich habe das Gefühl, dass meinem Vater in dieser Konditorei eine Gefahr droht, und ich spüre, dass mir, wenn ich hineingehe, der Dolch oder das Messer unentbehrlich sein werden, so wie wenn man eine Räuberhöhle betritt, doch meine Angst nimmt zu, und mit einem Mal erfasst mich die andrängende Menge wie ein Strudel und zieht mich zu den Hügeln hinüber; ich habe den Eindruck, dass mein Vater nicht mehr in der Konditorei ist, dass er flieht, dass man ihm gleich hinterherrennen wird wie einem Dieb, und bei diesem Gedanken erwache ich voller Angst. * Peneios oder Pinios: Hauptfluss der griechischen Region Thessalien (Anm.d. Übers.) In La Révolution surréaliste, Nr. 1, Dez. 1924 Giorgio de Chirico war ein in Griechenland geborener italienischer Maler, Bildhauer und Grafiker. Er gilt als Hauptvertreter der Pittura metafisica, der sogenannten Metaphysischen Malerei, die als einer der wichtigsten Vorläufer des Surrealismus angesehen wird (Anm.). |
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