Siham Bouhlal (* 1966)

Umarmungen (Auszug)

S

ie lag auf dem Boden. Ermattet von Begierde. Die Begierde verflocht ihre Eingeweide, vervielfachte ihre Komplexität. Neue und alte Begierde. Strömend wie eine Quelle vor den sieben Tagen des Schöpfers. Langsam und zäh. Hob ihre Seele empor und legte sie auf glühende Erde zurück. Die Begierde verwirrte ihr Hirn und siebte ihre Zellen. Zerstreute die Elemente in ihrem Blut und ließ sie sich wieder vereinigen. Löste das Fleisch von ihren Knochen, blies sie als Staub in ihr Herz und ließ sie neu und glänzend wieder lebendig werden. Ermattet von dieser endlosen Begierde. Sie wand sich. Die Lider wieder geschlossen. Ein Vorhang, der nicht mehr aufging. Sie hörte den schneller werdenden Atem dieses über den ihrigen gebeugten Leibs. Stöhnen. Seufzer. Kurze Schreie. Rhythmisch. Sie verharrte reglos. Gelähmt vor Begierde. Schweißtropfen regneten ihr aufs Gesicht. Rollten auf ihre Brust. Flossen ihr sogar in den Mund. Obwohl er geschlossen war.

Sie lag auf dem Boden. Ermattet von Begierde. Abgelöst von ihrem Leib. Er fuhr fort zu reifen. Außerhalb von ihr. Die Brüste sprossen noch. Richteten sich auf. Die Wölbungen nahmen Gestalt an. Die Lippen gewannen an Fleisch. Hervorspringendes Rot. Ihr Haar wuchs bis unter ihre Lenden hinab. Sanft wogend. Die Rundung ihres Gesäßes trat hervor. Wollüstige Laute stiegen auf aus zwei Leibern. Der eine arbeitsam. Der andere nicht fähig, sich zu bewegen. Zu nichts anderem fähig, als in seiner eignen Begierde zu wachsen.

Sie stöhnt. Wie ein tief in den Boden gerammter Stein.

Sie stöhnt. Voller Schmerz. Sie umkrallt seinen Hals. Halsband aus Fleisch. Sie drückt immer fester. Die Arme berühren nicht seine Haut. Sie drückt zu. Arme aus Luft und aus Feuer. Das Wasser fließt über. Zweites Element. Frau oder Stute? Erregterer Lauf. Rückwärts in ihr Leben. Zuchthengst, der kehrt macht. Bei Tagesanbruch den Hügel hinaufläuft. Seinen Kopf in den Nacken wirft. Seidige Mähne. Zerrt am Zaumzeug und galoppiert weiter voran. Heftiger. Beißt auf die Lippen. Stöhnt. Blickt weit hinaus. Horizont ohne Namen. Sie taucht in seine Augen. Blaues Firmament. Erschauert. Lächelt. Lacht. Weint und stöhnt. Stute mit entblößter Brust. Atmet ein. Salzige Luft. Beben-de Brust. Auf einem Gesicht. Tierkreis. Sternenbewegungen. Im dunklen Gehölz. Sie schreit. Steigt höher hinauf. Zündet eine Wachskerze an. Zwei. Dann drei. Sie stöhnt. Öffnet ihre Stimme. Schreit. Wie ein Stein, der den Schlund eines Vulkans durchstößt. Sie erschauert. Schließt die Augen. Sturz ihres Reittiers. Erstarrt. Unendliche Spirale. Der Berg braust in ihrem Kopf. Sie steht wieder auf. Lächelt. Umarmt ihren Liebhaber wie zum ersten Mal.

Sie stand aufrecht da wie eine Palme. Die Brust herausgedrückt. Das Haar schwarz. Fließend wie nächtliche Wellen. Die Brauen geformt wie der Bogen in der Hand des Bogenschützen. Dichte Wimpern. Offen wie ein Gebet. Der Blick von Kajal umschattet. Versonnen und listig. Die Nase vollendet geschwungen. Genau über schmalen Lippen ein brauner, lächelnder Schönheitsfleck. Die Wangen wie einem Klatschmohnfeld entsprungen. Sie trug ein Satinkleid. Blau mit Abstufungen, die sich mit dem Licht veränderten. Bestickt mit Edelsteinen. Das Kleid einer italienischen Fürstin, bei einer Auktion in Rom gekauft. An ihren Ohrläppchen schwebten zwei türkisblaue Tropfen. Komplizierte Hennazeichnungen schmückten ihre beiden Hände und auch die Füße, die in mit Goldfäden durchwirkten Babuschen steckten. Goldfäden aus der Mellah* von Fes. Ihr ganzer Leib verströmte üppige, warme Wohlgerüche. In diesem Patio eines Hauses in der alten Medina von Rabat fand eine Hochzeit statt. Sie war dabei. Stand herum. An eine der Säulen gelehnt. Doch da zog eine Hand sie ruckartig fort. Riss sie rasch mit sich. Drückte sie, ohne dass jemand es beachtete, in eine Nische in der Mitte eines der Räume rings um den Patio. Der Vorhang fiel von selbst. Sein Gesicht tauchte tief in ihr Haar. Schon hatte seine Hand ihr langes, schweres Kleid hochgehoben. Die andere Hand lustwandelte über ihren Leib. In Bedrängnis. Unentwegt. Ihre Wimpern hatten sich wieder geschlossen vor seinem stolzen Blick. Seufzer mischten sich unter die Geräusche des Festes. Drangen direkt aus der Mitte der Youyous** der Frauen. Das nach Moschus und Ambra duftende Wasser rann bis zwischen ihre Schenkel hinab. Ein letzter, äußerster Schrei. Der Mann beugte sich herab. Leckte dies Wasser auf. Den Kopf unterm Kleid. Dann drückte er einen Kuss auf die Stirn seiner Frau. Trat aus der Nische. Und verschwand in der Menge der allein in einem Raum sich drängenden Männer. Althergebrachte Trennung der Geschlechter. Sie lehnte sich erneut an die Säule. Ein schelmisches Lächeln. Wissend, dass diese Braut dort nie einen solchen Augenblick würde genießen können, selbst in dieser Nacht nicht, ihrer ersten.

Aus dem Französischen von Heribert Becker

* Eine Mellah ist das traditionelle jüdische Viertel in marokkanischen Städten, vergleichbar einem europäischen Ghetto. Sie liegt immer in der Nähe der Medina, der arabischen Altstadt. Die Mellah von Fes ist die älteste (1438 eingerichtet) (Anm. d.Übers.)
** langgezogene schrille Schreie der maghrebinischen Frauen, die bei Zusammenkünften gemeinsame Empfindungen, meistens Freude (z.B. bei Hochzeiten), aber auch Trauer ausdrücken (Anm.d.Übers.)


Siham Bouhlal, geboren in Casablanca, Marokko, ist eine Schriftstellerin, Poetin, Mediävistin und Übersetzerin. Sie lebt und publiziert seit 1984 in Paris.