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Einleitung zur „Amerindian Number“ von Dyn
D er Mensch beginnt dort, wo die Kunst beginnt, mit der Fähigkeit, das Leben in der Schwebe zu halten, die Welt bald zu spiegeln, bald zu entwerfen; denn das gemalte Bild geht dem Schreiben voraus, so wie die Imagination dem Denken vorausgeht, oder besser: die Imagination schließt das Denken in jeder Hinsicht ein, da das Denken nichts weiter ist als der Brennpunkt des augenblicklichen Bewusstseins. Deswegen vermag die Kunst, als etwas dem Fundament allen spezifisch menschlichen Tuns selbst Inhärentes, uns wieder mit unserer vorgeschichtlichen Vergangenheit zu verbinden, und deshalb setzen uns nur bestimmte geschnitzte und gemalte Bildwerke in den Stand, die Erinnerungen an unergründliche Zeitalter zu begreifen. Auch in Richtung der Zukunft ist es – so wie das Denken nur mittels der Imagination seine Ziele zu finden vermag – die Kunst, die häufig vorwegnimmt, was einmal sein könnte. Natürlich nur die schöpferische Kunst und nicht eine oberflächliche Virtuosität im Wiederholen von Aspekten bereits bestehender Dinge.
Wir werden in dem Maße imstande sein zu erleben, was sein könnte, in dem wir all jene menschlichen Möglichkeiten in uns zu vereinigen vermögen, auf die überall in der Geschichte hingewiesen wird, die so oft preisgegeben, wiedergefunden und erneut verloren wurden. Bis heute haben die Wellen des kulturellen Wandels ihre Ausrichtung nur auf intuitive Weise gefunden; so erlebte die abendländische Kunst nacheinander eine gewisse Osmose mit Asien, Afrika und Ozeanien; heute ist es möglich geworden zu verstehen, warum eine globale Osmose notwendig ist, warum dies nun der Augenblick ist, den gewaltigen Schatz indianischer Formen in das Bewusstsein der modernen Kunst zu integrieren. Diese Integration wäre die Negation alles Exotischen. Denn sie setzt ein Verstehen voraus, das die Grenzen aufhebt, die durch das Streben nach dem pittoresk Lokalen bedauerlicherweise immer noch betont und durch geistigen Provinzialismus aufrechterhalten werden. Ein derartiges Bemühen um Integration deutet auf nichts Geringeres als auf eine Vision voraus, mit der sich heute nur die Kühnsten zu befassen wagen: die Beseitigung der Schranken, die den Menschen von seinen besten Fähigkeiten trennen, die Beseitigung der inneren Grenzen, ohne die keine äußere Grenze definitiv aufgehoben werden kann. Zu einer Wissenschaft, die bereits global, aber per definitionem außerstande ist, unseren emotionalen Bedürfnissen gerecht zu werden, muss als ihre Ergänzung eine globale Kunst kommen: Diese beiden werden bei der Schaffung des neuen, des unentbehrlichen Weltbewusstseins hilfreich sein.
Nichts könnte für eine Kunstzeitschrift wichtiger sein, als zu einem solchen Bewusstsein, in wie bescheidenem Maße auch immer, beizutragen. Deswegen hofft DYN mit diesem Heft den Weg zu einem besseren Verständnis der indianischen Kunst zu öffnen.
Dank der großzügigen Mitarbeit weltweit bekannter mexikanischer, amerikanischer und kanadischer Gelehrter, denen DYN hocherfreut seinen herzlichsten Dank ausspricht, sind wir in der Lage, in diesem Heft eine eindrucksvollere Liste wichtiger, in jüngster Zeit gemachter archäologischer Entdeckungen zu publizieren, als sie je zwischen den Einbandseiten einer einzigen Zeitschriftennummer zusammengestellt worden sind. Das Material spricht für sich; aber wir müssen hinzufügen, dass das Glück auf unserer Seite war und es uns ermöglicht hat, gleichzeitig so außerordentliche Entdeckungen publik zu machen wie die eines großen Kodex, der bislang unbeachtet gebliebenen archaischen Kultur von Tlalilco im Tal von México und einer prachtvollen Maya-Maske; ein Glück, das uns in den Stand gesetzt hat, der Öffentlichkeit eine praktisch unbekannte Kunst vorzustellen, diejenige der alten Nordwestküste (Britisch-Kolumbien im Westen Kanadas [Anm.d.Übers.]) – deren expressive Kraft nicht ihresgleichen hat.
Der österreichische Maler Wolfgang Paalen (1905–1959) gehörte seit 1936 der Pariser Surrealistengruppe an. Von 1939 an lebte er im Exil in Mexiko und edierte dort die Zeitschrift Dyn (6 Nrs, 1942–44). Wie viele andere Surrealisten beschäftigte er sich aus-giebig mit den präkolumbischen Kulturen (Anm.d.Übers.).
In Dyn (México-Stadt), Nrs 4-5, 1943, Übers. H. Becker |