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28.5.1931 – 27.10.2017
E r hat viele Dinge gemacht in seinem Leben: Er war Lyriker, Erzähler, Dramatiker, Hörspielautor, Essayist, Literatur- und Kunsttheoretiker, Maler, Objekt- und Assemblagekünstler, Fotograf und hat Ausstellungen organisiert (Imagination, Museum Bochum 1978).
Geboren 1931 in Nemeský Brod (heute Havlíkuv Brod) in Böhmen zwischen Prag und Brünn und groß geworden in den Wäldern der Böhmisch-Mährischen Höhen, ging Milan Nápravník als 16-Jähriger nach Prag und schrieb, fasziniert vom Surrealismus der Nezval, Teige und Toyen, bald aber auch von dem jenigen André Bretons, seine ersten surrealistischen Texte und Traumprotokolle. 1950, noch vor seinem Dramaturgie-Studium (1952–57) an der Prager Filmhochschule, lernte er Karel Teige (1900–1951), den großen Theoretiker des tschechischen Poetismus und Surrealismus, kennen, der seit dem kommunistischen Staatsstreich im Februar 1948 von den neuen Machthabern des Landes diffamiert und drangsaliert wurde. Die stalinistische Propaganda fiel vor allem über Teige her, den sie als »Agenten des Imperialismus« und »echten trotzkistischen Judas« beschimpfte. Er starb unter dem Druck, dem er ausgesetzt war, im Oktober 1951. Also nur eine kurze Bekanntschaft mit dem jungen Nápravník. Dieser lernte durch Teige in vertiefter Weise Marx, Engels, Lenin, Trotzki usw. kennen. Teige verhehlte dem jungen Nápravník die Tatsache, dass trotz der massiven Repressalien um ihn herum eine surrealistische Gruppe existierte, die in der Illegalität versuchte, an die Aktivitäten der von 1934 bis 1939 – er verhehlte ihm dies, vielleicht aus der Befürchtung heraus, seine Mitstreiter zu gefährden oder weil er Nápravník für zu jung hielt. Durch einen Zufall lernte dieser 1954 Ludvík Šváb, ein Mitglied der illegalen Gruppe, kennen, der ihn wenig später in diese einführte. Von 1955 an spielte Nápravník dann eine immer wichtigere Rolle in diesem inzwischen von dem Dichter und Theoretiker Vratislav Effenberger, einem Schüler Teiges, angeführten Kollektiv, das bis etwa 1962 ständig im Visier der Staatssicherheit war und bis in die Jahre unmittelbar vor dem »Prager Frühling« keine Gelegenheit hatte, sich öffentlich zu artikulieren.
Innerhalb der Prager Surrealistengruppe war Nápravník im Gegensatz zu Effenberger und einigen anderen Mitgliedern ein Anhänger der Breton’schen Konzeption des Surrealismus, was unweigerlich zu Meinungsverschiedenheiten führte, die 1965, in einer Phase, relativer politischer Liberalität in der CSSR, mit dem Rückzug Nápravníks aus der Gruppe endete, der die damalige Orientierung seiner Mitstreiter – u.a. ließ Effenberger die Bezeichnung »surrealistisch« zugunsten des kryptografischen Begriffs »UDS-System [Meinungszirkel UDS]« fallen – für opportunistisch oder gar anti-surrealistisch hielt.
1966 publizierte Nápravník in Prag sein erstes Buch, Básne, návestí a pohyby (Gedichte, Signale und Bewegungen), eine kleine Auswahl aus seinen seit 1957 entstandenen Texten, die in dreißig Exemplaren herauskam. Aber man wusste offenbar mehr über ihn: In einer deutschsprachigen Monografie über die tschechoslowakische Gegenwartsliteratur wurde er Ende der 1960er Jahre als »das vielleicht bedeutendste Talent der tschechischen Nachkriegsliteratur« apostrophiert.
1966 kam es - ohne Nápravník – erstmals seit 1947 zu einem Kontakt der Prager Gruppe mit den Pariser Surrealisten, ein Kontakt, der bis zu deren Selbstauflösung Anfang 1969 anhielt und seinen Höhepunkt in der gemeinsam konzipierten Ausstellung Princip slasti (Das Lustprinzip, STÄDTE…. 1969) und dem gemeinsam verfassten Manifest Le Plateforme de Prague (Die Prager Plattform) fand. Dann beendete der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968 abrupt den »Prager Frühling« und die kleinen Freiheiten, die die Prager Surrealisten eine kurze Zeit lang genießen durften.
Wenige Tage nach diesem katastrophalen Ereignis verließ Nápravník in einem klapprigen alten Auto die CSSR ohne die geringste Hoffnung, sein Land je wiederzusehen.
Er ging zunächst für einige Monate nach Paris, wo er das Prosa-Buch Na brehu. Surrealistické protokoly (Am Ufer. Surrealistische Protokolle) schrieb, das lange unveröffentlicht blieb. 1969 erschien in Abwesenheit des Autors unter dem Titel Moták (Kassiber) im Verlag des Tschechoslowakischen Schriftstellers in Prag in kleiner Auflage eine kleine Auswahl aus den in den Jahren zuvor verfassten Texten. Die meist kurzen, mitunter zu Zyklen zusammengefassten Prosastücke - 1957 bis 1965 – sind keiner bestimmten literarischen Gattung zuzuordnen. Es sind Hervorbringungen einer gleichsam zu sich selbst befreiten Sprache, ein engmaschiges, unzerreißbares Geflecht von Assoziationen, Korrespondenzen und Verkettungen auf lautlicher, semantischer und formaler Ebene, untrennbar an die tschechische Sprache gebunden und damit leider unübersetzbar. Man hat es trotzdem versucht. So erschienen 1969 und 1970 im Frankfurter Suhrkamp-Verlag in deutscher Übersetzung die Bücher Kassiber bzw. Beobachtungen des stehenden Läufers, letzteres eine Auswahl aus dem oben genannten Buch Básne, návestí a pohyhy. Diese Bücher zeigten bereits dem deutschen Lesepublikum, dass Nápravníks Texte das völlige Gegenteil von Mainstream-Literatur sind. Manche der Texte aus Básne sind Miniaturgeschichten, »die die mit Ironie und in absurder Verkürzung beschriebene Situation eines gefangenen menschen oder Wesens dokumentieren«, so Nápravník selbst dazu. Und er fügte hin zu: »Es erübrigt sich, darauf hinzuweisen, dass sich in diesen Texten die psychosoziale Struktur des in einem totalitären Gesellschaftssystem lebenden Menschen enthüllt«.
Nach dem gewaltsamen Ende des »Prager Frühlings« genossen Tschechen und Slowaken eine Zeit lang die Sympathie der Westdeutschen. So publizierte Nápravník in deutschen und französischen Zeitschriften, und westdeutsche Sender produzierten seine Hörspiele. 1970 nahm er das Angebot an, als freier Mitarbeiter für die Deutsche Welle in Köln zu arbeiten, woraus später eine feste Redakteurstätigkeit beim Deutschlandfunk, ebenfalls in Köln, wurde. So verschlug es ihn nach Köln, wo er bis zu seinem Tod den größten Teil seines Lebens verbrachte.
Angesichts der erwähnten Tatsache, dass seine Texte schwer übersetzbar sind, das Publizieren in Deutschland also problematisch war, wandte sich Nápravník entschlossen anderen, nicht-verbalen Ausdrucksmitteln zu, ohne jedoch das Schreiben von Essays und poetischen Werken aufzugeben. Ein Gedichtzyklus der 1970er Jahre sind die Traumbilder, veröffentlicht in der Mammut-Anthologie Das surrealistische Gedicht (1985, 42005), an der Nápravník als Übersetzer ebenso mitarbeitete wie an der Anthologie Aus den Kasematten des Schlafs. Tschechoslowakische Surrealisten vier Jahre zuvor.
1977–79 schrieb er den Gedichtband Vule k noci, der unter dem Titel Der Wille zur Nacht 1980 in deutscher Übersetzung in Berlin herauskam. Es handelt sich bei diesen Texten um eine zwar wiederum automatisch geschriebene Poesie, die sich jedoch von der in Prag entstandenen deutlich unterscheidet. Sie öffnet dem Leser den Zugang zu ganz anderen bereichen des Unbewussten als zuvor, zieht ihn in eine Welt glühender Erotik und praller Sinnlichkeit, die sich in einer wahren Sturzflut konkret-irrationaler Bilder ausdrückt.
Bildkünstlerisch entstand zunächst eine lange Reihe von Objektkästen. Dann eignete sich der Dichter autodidaktisch bestimmte Techniken der Malerei an und schuf eine ganze Serie von Bildern. Daneben schuf er bildhauerische Arbeiten und Assem¬blagen und kreierte schließlich 1978 eine spezielle Art der Fotografie, die er »Inversage« nannte.
Etwa zu dieser Zeit nahm Nápravník Kontakt zu einer wachsenden Zahl von surrealistischen Dichtern und Künstlern, namentlich in Frankreich, auf und arbeitete bald mit der para-surrealistischen Phases-Bewegung Édouard Jaguers in Paris zusammen, an deren Ausstellungen in Frankreich, England, Portugal und Kanada etc. er sich einige Jahre lang beteiligte. In Hamburg und Berlin (1982) fanden Einzelausstellungen seiner Inversagen statt.
Jaguer trug auch einiges zur Vorbereitung der großen Ausstellung Imagination bei, die Nápravník 1978 für das Museum Bochum organisierte und die ihm zu einer Reihe freundschaftlicher Kontakte mit surrealistischen Künstlern und Schriftstellern verhalf.
1980 erschien in Berlin ein weiterer Gedichtband Nápravníks in deutscher Übersetzung, Der Wille zur Nacht, dessen tschechisches Original, Vule k noci, 1988 in einem tschechischen Exilverlag in München herauskam. Im Jahr darauf kam es in der CSSR zur »Samtenen Revolution« und zum Ende der realsozialistischen Repression zum Zusammenbruch des kommunistischen Regimes.
Wider alle Erwartung endete somit das 21-jährige Exil Nápravníks, der nun endlich wieder darauf hoffen konnte, in seiner Muttersprache zu publizieren. Er bezog einen zweiten Wohnsitz in Prag, nahm Kontakt zur immer noch existierenden tschechischen bzw. tschechoslowakischen Surrealistengruppe auf – die freilich bereits 1986 ihren Spiritus rector Vratislav Effenberger verloren hatte, mit dem sich Nápravník zuvor versöhnt hatte – und arbeitete eine Zeit lang sehr aktiv an deren Zeitschrift Analogon mit, wo er verschiedene längere Essays, u.a. Die verfemte Lust, veröffentlichte. Der Notwendigkeit entledigt, übersetzt werden zu müssen, brachte er in Tschechien nach und nach ältere und neue Texte heraus: Na brehu. Surrealistické protokoly (Brünn 1992), eine erweiterte Neuausgabe von Básne, návestí a pohyby (Brünn 1994), Kniha Moták (Prag 1995), Dech noci noc duchu, duch noci noc dechu (Prag 1995, zugleich Katalog zu einer Inversage-Ausstellung Nápravníks in der tschechischen Hauptstadt), eine Neuausgabe von Vule k noci (Prag 1997) sowie Príznaky poušte (Die Symptome der Wüste, Prag 2001). Man darf vermuten, dass trotzdem noch zahlreiche Texte Nápravníks unveröffentlicht sind (Schon 1988 sprach er von über dreißig noch unpublizierten Buchmanuskripten.).
Anerkennung für sein bildkünstlerisches Werk erhielt er 1997, als ihm in Gütersloh der gut dotierte Woldemar-Winkler-Preis, verbunden mit einer Einzelausstellung, verliehen wurde. An weiteren Übersetzungen erschienen 2006 in Berlin Na brehu auf Deutsch unter dem Titel Am Ufer. Surrealistische Protokolle und 2009 in Mailand der italienische Auswahlband Il nido del buio.
Der Kontakt zu den Prager Surrealisten riss schon um 2000 ein zweites Mal wieder ab; Nápravník warf seinen Mitstreitern - ob zu Recht oder zu Unrecht, lässt sich nicht sagen - einen übermäßigen Hang zur Kommerzialisierung und einen eklatanten Mangel an surrealistischer Moral auch in politischen Fragen vor. Für ihn selbst blieb diese Moral neben anderen Prinzipien des Surrealismus bis zuletzt die unverzichtbare Basis seines Lebens. Dieses Leben, das Leben des Schöpfers eines der bemerkenswertesten Werke der neueren tschechischen Literatur des 20. Jahrhunderts, das Leben eines Dichters für ganz wenige, endete nach langer Krankheit am 27. Oktober 2017 in Köln.
© Heribert Becker 2017 |