Das Nest der Dunkelheit
Für Richard Oelze (1900–1980)
Z wischen den Knoten der Eiche
Im Geäst das den ruhlosen Wind peitscht
Hält sie Wache
Die Vogel-Faust mit den allzeit verfügbaren Flügeln
Und so wie sie eine Allee besichtigt die vor ersterbenden Blättern rauscht
Ersterbende Blätter die durch die Allee rauschen
Wendet sich ihr Kopf langsam nach einem seltsamen Azimut
In dem sich immer eins nach dem andern allmählich löst
Und in einer unbewachten Weile in den Runzeln der Wegkrümmung nieder gleitet
Zwischen den glitzernden Steinen der Träume
Zwischen den glatten Wurzeln des Schlafes
Zwischen den Schollen aus feuchter Erde
Unter denen sich dunkle und flinke Nachtrinnen winden
Seht jene erstaunliche Lichtquelle
Die sich über den von schwarzen Bäumen zerfetzten Horizont emporhebt
Bei einem Blick aus dem Fenster dessen Vorhänge
unter der Last der Begierde zerreißen
Eine blakende Lampe aus Opalglas
In der Kapelle hat man Kerzen entzündet
Bald beginnt die Messe überall schwärmen Ratten
Eine augenlose Frau mit einem Seidenzylinder auf dem Kopf
Begibt sich unterm Gewölbe des Fluches
Zum Altar der all seine weißen Muskeln spannt
Um die Pflanzenketten zu zerreißen
Die ihn an den Steinboden fesseln
Es ist lange her
Auf dem Boden eines Schwarzweinpokals
den man ihm reicht duckt sich eine Perle
Die Mauer zerbröckelt
Der Vordertrakt des Hauses neigt sich zum Hofplatz
wo durchsichtige Fische hüpfen
Im ersten Stock hat jemand das Fenster geöffnet
Und rülpst vernehmlich
Während er ein Messer
in die quarkbleiche Erde eines Blumentopfs eingetrieben mit Blut begießt
Ein niedergerissener Forstmeister bemüht sich mit der Peitsche um sich zu schlagen
Sein Mantel bläht sich und bedeckt das ganze Tor
Man sieht daß er am Boden festgewachsen ist
Übrigens hat er mehr als nur zwei Beine
Seine sanften Finger laufen über den Peitschengriff
als suchten sie die Löcher einer Flöte
Schließlich läßt er mehrere graue Tauben fallen
Der Kopf fällt ihm auf Bauchhöhe herab
Er senkt ganz ein
Bis er zwischen der Hofmauer und dem Rand des Weges
als ein riesiges schmutziges Spinngewebe hängen bleibt
Man braucht nichts mehr als eine einzige Bewegung zu machen
Einen Nagel tief genug in den Bauch eines Frosches zu stoßen
Dabei einige Worte auszusprechen die man nicht wiederholen darf
Worte über den Wald
Über entwurzelte Jungfern
Über glühende Puppen voll Tod
Mit einem eisgetränkten Atem
Der aus der Brust dieser Frau einzelne Silben hervorstößt
als träte man sie in den Rücken
Vielleicht zerfällt sie am Ende
Vielleicht blickt sie sich nicht um
Mit klebrigen Händen wühlt sie im dicken Samt
Der ihr von den Brüsten zwischen die Beine herabfließt
Und sich unweit des Stalls im Betonrohr des Misthaufens verliert
Im Dorf ist Mitternacht
Hohle Pferde nähern sich vor einen Wagen aus totem Fleisch gespannt
Beide verschimmelt beide mit Federbüschen auf ihren Köpfen
Beide zum Zeichen ihrer Überlegenheit mit tückisch zusammengepreßten Nüstern
Die Hufeisen versinken
Die Achsen knarren vor Lachen
Ringsum tollt ein nacktes Knäblein das Kußhände wirft
Und ein zweites
Mit einer an den Lippen festgewachsenen Hand
als hörte es nicht auf zu staunen
Das Nest hat sich zusammengezogen
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