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Geteilte Nächte
A m Ende einer langen Reise sehe ich immer wieder diesen Korridor vor mir, diesen Maulwurf, diesen warmen Schatten, dem der Meerschaum Luftströme, rein wie ganz kleine Kinder, verordnet, ich sehe immer wieder das Zimmer vor mir, in das ich kam, um mit dir das Brot unsrer Begierden zu brechen, ich sehe immer wieder deine entblößte Blässe vor mir, die morgens mit den entschwindenden Sternen verschmilzt. Ich weiß, dass ich gleich nochmals die Augen schließen werde, um wieder die herkömmlichen Farben und Formen vorzufinden, die es mir gestatten, dich anzusprechen. Wenn ich sie wieder öffnen werde, dann, um in einer Ecke des Raums den zersetzbaren Sonnenschirm mit dem Spitzhackengriff zu suchen, der mich das schöne Wetter, die Sonne, das Leben fürchten lässt, denn ich liebe dich nicht mehr am helllichten Tag, denn ich trauere der Zeit nach, da ich aufbrach, dich zu entdecken, und auch der Zeit, da ich blind und stumm war angesichts der unbegreiflichen Welt und des zusammenhanglosen Verständigungssystemes, das du mir vorschlugst.
Hast du nicht hinreichend Verantwortung für diese Arglosigkeit getragen, die mich zwang, deine Wünsche immerzu gegen dich zu kehren?
Was hast du mir nicht zu denken gegeben! Jetzt komme ich nur noch zu dir, um des großen Geheimnisses sicherer zu sein, das die absurde Fortdauer meines Lebens, die absurde Fortdauer einer Nacht noch darstellt.
Wenn ich ankomme, fahren alle Boote davon, das Gewitter weicht vor ihnen zurück. Ein Regenschauer erlöst die dunklen Blumen, ihr Leuchten setzt wieder ein und trifft erneut auf die wollenen Wände. Ich weiß, nie bist du einer Sache sicher, doch der Gedanke an die Lüge, doch der Gedanke an einen Irrtum sind derart jenseits unsrer Kräfte. Es ist schon so lange her, dass die störrische Tür nicht nachgegeben hat, so lange her, dass die Monotonie der Hoffnung die Langeweile nährte, so lange her, dass dein Lächeln aus Tränen bestand.
Wir haben es abgelehnt, Zuschauer hereinzulassen, denn es gibt kein Schauspiel zu sehen. Erinnere dich, für die Einsamkeit, die leere Bühne, ohne Kulissen, ohne Schauspieler, ohne Musiker. Man sagt: das Theater der Welt, die Weltbühne, und wir beide wissen nicht mehr, was das ist. Wir beide, ich unterstreiche diese Wörter, denn auf den Etappen dieser langen Reisen, die wir getrennt unternahmen – das weiß ich jetzt – , waren wir wirklich beisammen, waren wir wirklich, waren wir, wir. Weder du noch ich wussten die Zeit, die uns getrennt hatte, jener hinzuzufügen, in der wir vereinigt waren, weder du noch ich wussten sie von ihr abzuziehen.
D as Licht hat mir dennoch schöne Bilder von den Negativen unsrer Begegnungen geschenkt. Ich habe dich mit Wesen identifiziert, deren Namen allein die Verschiedenheit rechtfertigte, immer derselbe, der deine, mit dem ich sie bezeichnen wollte, Wesen, die ich verwandelte, so wie ich dich verwandelte, im vollen Licht, so wie man das Wasser einer Quelle verwandelt, indem man es in einem Glas auffängt, so wie man seine Hand verwandelt, indem man sie in eine andere legt. Selbst der Schnee, der hinter uns der schmerzhafte Wandschirm war, auf der die Kristalle der Schwüre schmolzen, selbst der Schnee war maskiert. In den Erdhöhlen suchten kristallisierte Pflanzen die Dekolletés des Ausgangs.
Abgrundtiefe Dunkelheit, ganz auf einen blendenden Wirrwarr gerichtet, ich bemerkte nicht, dass dein Name trügerisch wurde, dass er nur noch auf meinem Mund war und dass nach und nach das Gesicht der Versuchungen wirklich, vollständig, einzig erschien.
W enn wir vereint sind, jedes Mal für immer vereint, füllt deine Stimme deine Augen, wie das Echo den Abendhimmel füllt. Ich steige hinab zu den Ufern deiner Erscheinung. Was sagst du? Dass du niemals geglaubt hast, allein zu sein, dass du nicht mehr geträumt hast, seit ich dich gesehen habe, dass du wie ein Stein bist, den man zertrümmert, um zwei Steine zu haben, die schöner sind als ihr toter Vater, dass du die gestrige Frau warst und dass du die heutige Frau bist, dass du keines Trostes bedarfst, da du dich ja geteilt hast, um zur jetzigen Stunde unangetastet zu sein.
Wenn du ganz nackt, ganz nackt bist, sind deine Brüste zarter als der Duft des gefrorenen Grases, und deine Schultern ruhen auf ihnen. Ganz Nackte. Du legst mit der größten Schlichtheit dein Kleid ab. Und du schließt die Augen, und es ist der Fall eines Schattens auf einen Körper, der Fall des gesamten Schattens auf die letzten Flammen.
Die Funkenregen der Jahreszeiten fallen in sich zusammen, du zeigst das Innerste deines Herzens. Es ist das Licht des Lebens, das die sinkenden Flammen nutzt, ‘s ist eine Oase, welche die Wüste nutzt, die von der Wüste fruchtbar gemacht, die genährt wird von der Trostlosigkeit. Zarte, hohle Kühle tritt an die Stelle der kreisenden Feuerstellen, durch die du darauf verfielst, mich zu begehren. Über dir gleitet dein Haar in den Abgrund, der unser Getrenntsein rechtfertigt.
D ass ich mich nicht noch, wie zur Zeit meiner Jugend, für deinen Schüler erklären kann, dass ich nicht noch mit dir eins sein kann, dass das Messer und das, was es schneidet, gut zueinander passen. Das Klavier und die Stille, der Horizont und die Weite.
Durch deine Kraft und durch deine Schwäche glaubtest du, die Missklänge der Anwesenheit und die Wohlklänge der Abwesenheit miteinander versöhnen zu können, eine ungeschickte, naive Verbindung und das Wissen um die Verluste. Doch tiefer als alles war da die Langeweile. Was soll dieser Adler mit den ausgestochenen Augen sich von unseren Sehnsüchten merken?
Auf den Straßen, auf den Fluren werden hundert Frauen von dir in alle Winde verstreut, du zerreißt die Ähnlichkeit, die sie verbindet, hundert Frauen werden von dir zusammengeholt, und du kannst ihnen keine neuen gemeinsamen Züge verleihen, und sie haben hundert Gesichter, die halten deine Schönheit in Schach.
U nd in der Einheitlichkeit einer miteinander geteilten Zeit gab es plötzlich den und den Tag in dem und dem Jahr, den ich nicht hinnehmen konnte. Alle anderen Tage, alle anderen Nächte ja, doch an diesem Tag hab‘ ich zu sehr gelitten. Das Leben, die Liebe hatten ihren Fixpunkt verloren. Sei unbesorgt, nicht zugunsten von was auch immer an Dauerhaftem hab‘ ich die Hoffnung auf unser Einvernehmen verloren. Ich habe mir nicht ein andres Leben vorgestellt, vor anderen Armen, in anderen Armen. Ich hab‘ nicht geglaubt, dass ich einmal aufhören würde, dir treu zu sein, da ich doch für alle Zeiten dein Denken und den Gedanken verstanden hatte, dass du da bist, dass du nicht aufhörst, mit mir da zu sein.
Ich habe zu Frauen gesagt, ich litte es nicht, dass ihr Dasein von deinem abhing.
Und doch fiel das Leben über unsre Liebe her. Das Leben, fortwährend auf der Suche nach einer neuen Liebe, um die vorige Liebe, die gefährliche Liebe zu tilgen, das Leben wollte eine andere Liebe.
Grundsätze der Treue… Denn die Grundsätze hängen nicht immer von schroff auf das weiße Holz der Vorfahren geschriebenen Regeln ab, sondern von sehr lebendigen Zauberreizen, von Blicken, von Posen, von Worten und von den Zeichen der Jugend, der Reinheit, der Leidenschaft. Nichts von alledem vergeht.
I ch bestehe darauf, Erfindungen unter die fürchterlichen Realitäten zu mischen. Ihr unbewohnten Häuser, ich habe euch mit außergewöhnlichen Frauen, weder dicken noch dünnen, weder blonden noch brünetten, weder verrückten noch vernünftigen – ganz egal – angefüllt, mit aufgrund einer Einzelheit verführerischeren Frauen als möglich. Unnützes, selbst die Dummheit, die eure Herstellung betrieb, war mir eine Quelle des Entzückens. Ihr gefühllosen Wesen, oft hab‘ ich euch zugehört, so wie man dem Geräusch der Wellen und dem der Maschinen eines Schiffes zuhört, wobei man mit Wonne auf die Seekrankheit wartet. Ich habe mir die ungewöhnlichsten Bilder angewöhnt. Ich habe sie gesehen, wo sie gar nicht waren. Ich habe sie mechanisiert wie mein Aufstehen und mein Zubettgehen. Wie Seifenblasen sind die Plätze dem Aufblasen meiner Backen ausgesetzt gewesen, die Straßen meinen Füßen, dem einen vor dem andern, und der andere tritt vor den einen, vor zwei, und ich habe zusammengezählt, die Frauen bewegten sich nur noch liegend fort, ihre offenen Blusen stellten die Sonne dar. Die Vernunft mit erhobenem Haupt, ihre Zwangsjacke aus Gefühllosigkeit, ameisenköpfige Leuchte, dürftiger Notmast für einen kopflosen Menschen, der Notmast des Schiffes… siehe oben.
U m Gründe zu leben für mich zu finden, hab‘ ich versucht, meine Gründe, dich zu lieben, zu vernichten. Um Gründe für mich zu finden, dich zu lieben, habe ich schlecht gelebt.
Am Ende einer langen Reise werde ich vielleicht nicht mehr auf diese Tür zugehen, die wir beide so gut kennen, werde ich vielleicht nicht mehr dieses Zimmer betreten, zu dem die Verzweiflung und der Wunsch, mit der Verzweiflung Schluss zu machen, mich so viele Male hingezogen haben. Weil ich so sehr ein Mensch bin, der außerstande ist, die Unkenntnis seiner selbst und des Schicksals zu überwinden, werde ich vielleicht für andere Wesen Partei ergreifen als für dasjenige, das ich erfunden habe.
Wozu werde ich ihnen von Nutzen sein?
Aus La Vie immédiate, 1932
Auszug aus: Geteilte Nächte. Erotiken des Surrealismus (Nautilus 1990, 1992, 1999, 2007)
Übersetzung: H. Becker |