René Crevel (1900–1935)

Gott und seine Mauern

N

icht Schule, sondern Bewegung, weder Museum noch Anthologie, sondern im Gegenteil von seinem ersten Satz an ein Luftzug, der die Museen hinwegfegt und die Anthologien auseinanderbläst, hat der Surrealismus, der weder das Träumen dem Handeln noch das Handeln dem Träumen opfern wollte, von seinem dialektischen Wesen her auf ihre Synthese hingearbeitet.

Wenn er, ein Bündel subversivster Kräfte und Ideen, damit begonnen hat, die allzu simplen Trennwände der dichterischen und intellektuellen Unparteilichkeiten zu durchstechen, so wird er dabei nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Er kämpft gegen Mauern, gegen alle Mauern, man verstehe mich recht: gegen die im eigentlichen und die im übertragenen Sinne, Mauern aus ideellen Steinen, aus versteinerten Ideen, die Hindernisse für das Voranschreiten des Menschen, Hemmnisse für seinen Körper, Beleidigungen für seinen Blick, Herausforderungen für sein Denken sind.

Wagen die Mauern, aber die der Kasernen, der Kerker, der Kirchen, es nicht, klar und deutlich die drei wunderbaren Worte zu tragen, die so viele zu Monumenten gemachte Ungerechtigkeiten anscheinend für immer der Lächerlichkeit haben preisgeben wollen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

Es ist also gute Tradition, dass der Himmel, dieser mit so vielen schändlichen Gottessymbolen besudelte Deckel, seine Sterne Monsieur Citroën zur Verfügung stellt, damit er sie an den auf diese Weise in ein Reklamezäpfchen verwandelten Eiffelturm hängt. Ein hübsches Schauspiel, um des Nachts die Obdachlosen zu unterhalten. Brot und Spiele – man kennt das Programm des unflätigen, düsteren römischen Reichs zur Zeit seines Niedergangs. Heute sind es Brotrinden und Gott (cf. die Reportage von S. Georges in L’Humanité, Dez. 1931), die eine lächerliche, religiös inspirierte Wohltätigkeit den Arbeitslosen bietet. Jeder Krümel wird mit einem geistlichen Lied erkauft, und das im Namen Gottes, dieses Komplexes von Vorstellungen, die aus der Abhängigkeit des Menschen von der Natur entstanden sind und die diese Unterjochung festigen und den Klassenkampf einschläfern (Lenin).

Und hier wollen wir, ohne uns in Spitzfindigkeiten zu verlieren, feststellen, dass die Welt nur deshalb ein solcher Schweinestall geworden ist, weil sie so sehr, so ganz und gar mit Gott angefüllt worden ist. Doch überlassen wir André Breton das Wort:

Von Gott zu deren, an Gott zu denken, heißt, in jeder Hinsicht zeigen, wes Geistes Kind man ist. Und wenn ich das sage, so ist es ganz sicher so, dass ich mir diese Idee [i.e. Gottes – d.Übers.] nicht zu eigen mache, nicht einmal, um sie zu bekämpfen. Ich habe immer gegen Gott gewettet, und das Wenige, was ich in der Welt gewonnen habe, ist für mich nur das Resultat dieser Wette, so lächerlich auch der Einsatz gewesen sein mag (mein Leben). Ich bin mir bewusst, voll und ganz gewonnen zu haben. Alles, was es an Schwankendem, Anrüchigem, Niederträchtigem, Beschmutzendem und Groteskem gibt, steckt für mich in diesem einen Wort: Gott! Gott, jeder hat schon einmal einen Schmetterling, eine Weintraube, eines von diesen Blechplättchen in Form eines abgerundeten Rechtecks gesehen, wie sie durch die Unebenheiten schlecht gepflasterter Straßen abends von bestimmten Lastwagen fallen und die wie umgekehrte, gegen sich selbst gekehrte Hostien aussehen. Er hat auch schon ovale Bilder von Braque und Seiten wie die gesehen, die ich hier schreibe und die weder für ihn noch für mich – dessen darf man sicher sein – verdammend sind.

Neulich hatte jemand die Absicht, Gott als einen Baum zu beschreiben, und ich sah einmal mehr die Raupe, ich sah nicht den Baum. Ich ging, ohne etwas wahrzunehmen, zwischen den Wurzeln des Baums hindurch wie auf einer Straße in der Nähe von Ceylon. Übrigens beschreibt man nicht das Formlose, man beschreibt ein Schwein, und damit basta. Gott, den man nicht beschreibt, ist ein Schwein.

Dieses Schwein aber hat man nun bestens sich einnisten lassen.

Heute bitten diejenigen, die nichts mehr von dem Tier wissen wollen, um Erbarmen für den Stall und für die Schätze, mit denen man ihn ausstaffiert hat. Aber die Zeugnisse einer Knechtschaft zu bewahren, heißt, noch in der Erinnerung an diese Knechtschaft zu schwelgen, also unweigerlich in sie zurückzufallen. Die Appelle des Liberalismus an das Gefühl für das Pittoreske, die Petitionen zugunsten der historischen Baudenkmäler, die Gesetze zur Konservierung dieser Baudenkmäler – zur Konservierung überhaupt, müsste man sagen, zum Konservatismus - , man weiß, was sich hinter diesem rhetorischen Süßholzgeraspel verbirgt und wer wieder in den geschützten Schlupfwinkeln herumlungern wird: diese Wesen außerhalb von Zeit und Raum, vom Klerus ersonnen und genährt durch die Vorstellungskraft der unwissenden und geknechteten Massen, Wesen, von denen Engels sagt, sie seien nur die Hervorbringungen einer kranken Fantasie, die Tricks des philosophischen Idealismus, die schlechten Produkte eines schlechten Gesellschaftssystems. 1

Es sind übrigens die Privilegierten, die Herren über das schlechte Gesellschaftssystem, die zum Gefallen an dem alten Plunder aufrufen und sich auf ihn stützen. Diese Herrschaften möchten, dass mit kaltem Blute bedacht wird, woran Blut, sofern es nur ein wenig warm ist, sich nicht zu erinnern vermag, ohne in Wallung zu geraten.

Im Übrigen kann der Wunsch des Menschen, wieder in seine Vergangenheit, in eine unbestimmte Vergangenheit, einzutauchen, nur aus jener Todesobsession geboren werden, zu der die Kirchen, vor allem die katholische, ihn zu zwingen gewusst haben, wobei sie ihm sein Werden (sein eigenes und das seiner Spezies) zugunsten der fortwährenden Erinnerung an sein Vergehen hinwegzauberten.

Erbarmungswürdiger Mensch, Mensch zwischen Mauern, du, dessen Kindheit sich aus Angst vor der Nacht, vor dem Unbekannten unterm Betttuch verbarg, da ist solch ein Wirrwarr, solch ein Wust, solch ein Nebeneinander um dich her, dass du verzweifelt und traurig in den schäbigen Gässchen umherirrst, die man deinen Begierden gelassen hat.

Doch weil sich seit Pascal die kleinen Analytiker bei ihren Peinigungen immer auf den Geist des Subtilen berufen, freust du dich über die Sackgassen, an deren Ende die geistigen Größen, zweifach, vierfach, zwölffach, tausendfach verkrümmt (doch wozu Zahlen, ihre Verrenkungen sind grenzenlos), Stück für Stück ausgespuckt werden. Prousts Asthma, was für ein Sinnbild!

1 aus dem Französischen zurückübersetzt (Anm.d.Übers.)

Aus Le Clavecin de Diderot, 1932
Aus dem Französischen von H. Becker

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