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Über Antonin Artaud1 (1896–1948)
Artaud 1926
Breton 1924
Frage: Sie glauben, Artaud sei, wie Sie sich ausdrücken, „auf die andere Seite gewechselt“. Können Sie genauer darlegen, was Sie damit meinen?
A.B.: Stellen wir zunächst einmal grundsätzlich fest, dass für die Poesie von einem bestimmten Niveau an die geistige Gesundheit des Dichters ganz und gar unerheblich ist. Ihr höchstes Privileg ist es, dass sich ihr Herrschaftsbereich weit über die von der Vernunft gesetzten Grenzen hinaus erstreckt. Ihr drohen keine anderen Gefahren als die Banalität und allseitige Anerkennung. Seit Rimbaud und Lautréamont wissen wir, dass die schönsten Gesänge oft auch die ungebärdigsten sind. Nervals Aurélia, Hölderlins Wahnsinnsgedichte, van Goghs Gemälde aus seiner Zeit in Arles sind das, was wir innerhalb ihres Werks am höchsten einstufen. Es hat den Anschein, als hätte der „Wahn“ diese Künstler, anstatt sie in einen Kerker zu sperren, von allen Fesseln befreit, als wären sie über eine ganz und gar ätherische Brücke blitzartig in Verbindung mit uns getreten.
Deshalb erliegt man einem uralten Vorurteil, wenn man Antonin Artaud vor jedem Abirren des Geistes bewahren will – das ihm, da es ihm zu Unrecht zur Last gelegt wurde, die Freiheit geraubt und ihn, angeblich in der Absicht, ihn zu heilen, den schlimmsten Misshandlungen ausgesetzt hat. Auf der Ebene des gewöhnlichen Lebens gilt zwischen dem Menschen und der Gesellschaft, in der er lebt, ein stillschweigendes Abkommen, das ihm bestimmte äußere Verhaltensweisen verbietet, weil sonst die Tore der Irrenanstalt (oder des Gefängnisses) hinter ihm zufallen. Es ist nicht zu leugnen, dass Artauds Gebaren auf dem Schiff, mit dem er 1937 aus Irland zurückkam, zu diesen Verhaltensweisen gehörte. Was ich „auf die andere Seite hinüberwechseln“ nenne, ist das von einem unwiderstehlichen inneren Drang bewirkte Aus-den-Augen-Verlieren dieser Verbote und der Sanktionen, die man zu gewärtigen hat, wenn man sie übertritt.
Frage: In welchem Zustand befand sich Artaud, als Sie ihn nach Rodez2 wiedersahen?
A.B.: Sicher hinterließen nach Rodez die erlittenen Heimsuchungen tiefe Spuren auf seinem noblen Gesicht, und nichts war erschütternder als der Zerfall seiner Gesichtszüge. Trotzdem sprach er, wenn man mit ihm plauderte, auf dieselben Verlockungen an wie in seinen jungen Jahren und legte ihnen gegenüber dasselbe Feuer an den Tag, das aber trotz allem noch von Fröhlichkeit gemildert wurde (ich höre noch sein unverändertes Lachen): Nichts von den Gaben des Geistes und des Herzens, die er besaß, war verloren gegangen. Doch von daher zu sagen, er sei im vollen Sinne des Wortes „geheilt“ gewesen, ist ein Schritt, den ich nicht zu tun vermag: Sagen wir, dass der Wahnsinn, einige Jahre zuvor noch im Übermaß vorhanden, 1946 deutlich eingedämmt war. Er erhielt kaum Gelegenheit, sich zu manifestieren, wenn bestimmte Reibungspunkte vermieden wurden. Das gelang einem nicht immer. Zum Beispiel war er davon überzeugt, dass bei seiner Ankunft in Le Havre, als er aus Irland zurückkehrte, ein regelrechter Tumult ausgebrochen sei (um bestimmte Enthüllungen zu verhindern, die er zu machen hatte) und dass ich getötet worden sei, als ich ihm zu Hilfe eilte. Dass er in seinen Briefen oder in seinen Gesprächen mit mir häufig darauf anspielte, zeigt zur Genüge, dass die Welt für ihn nicht mehr das gewöhnliche Koordinatensystem hatte. Ich hütete mich, ihm zu widersprechen, und wechselte rasch das Thema. Doch es kam der Tag – es war eines Morgens, und wir saßen uns zu zweit auf der Terrasse des „Deux Magots“ gegenüber - , an dem er mich bei allem, was uns miteinander verband, beschwor, diejenigen zum Schweigen zu bringen, die den Wahrheitsgehalt jener Tatsache bestritten. Ich musste ihm mit geeigneten Worten entgegnen (so, dass ich ihn möglichst nicht vor den Kopf stieß), dass meine Erinnerungen in diesem Punkt nicht die seinigen bestätigten. Er sah mich verzweifelt an, und Tränen traten ihm in die Augen. Ein paar endlose Sekunden vergingen… Dann zog er die Schlussfolgerung, dass es den dunklen Mächten, deren Zorn er sich zugezogen habe, gelungen sei, mein Erinnerungsvermögen zu täuschen. Als wir uns danach wiedersahen, war nicht mehr die Rede davon, aber ich war in seinen Augen wohl ziemlich tief gesunken.
Frage: Wie dem auch sei, es existiert ja Artauds Werk. Wie konnte er es vollbringen? Ist es das Werk eines Geisteskranken oder eines Menschen mit klarem Verstand? Können Sie mit einigen Worten die Eigenart und die Tragweite dieses Werks charakterisieren?
A.B.: Antonin Artauds Krankheit zählte nicht zu denen, die im psychiatrischen Sinne ein intellektuelles Defizit beinhalten. Es ist ein allzu weit verbreiteter Irrtum zu glauben, dass die Ideenbildung in einem solchen Fall grundlegend beeinträchtigt wird und dass alle Bereiche, die von ihr abhängen, betroffen sind. So einfach ist es nicht. Bei Artaud zeugen sehr große Unterschiede in der Beurteilung der letzten Dinge und ein extremes Wüten, das sich in einer verbalen Hemmungslosigkeit ohnegleichen äußert, von einer höchst qualvollen inneren Spannung, die uns mit Sicherheit noch lange unter die Haut gehen wird. Beim gegenwärtigen Stand unseres Wissens wäre es zu ambitiös, erklären zu wollen, mittels welchen „spiegelbildlichen“ Beschwörungseffekts Artaud kurz vor seinem Tod das höchst klarsichtige Buch, das unbestrittene Meisterwerk zustande bringen konnte, das sein Van Gogh3 ist. Artauds Schrei entspringt – wie derjenige Edvard Munchs – „den Höhlen des Seins“. Für immer wird die Jugend dieses versengte Banner als das ihrige erkennen.
1 Interview in La Tour du feu, Nrs 63-64, Dez. 1959; dann in: André Breton, Perspective cavalière, Paris (Gallimard) 1970 (Anm.d.Übers.)
2 Artaud verbrachte von 1937 an fast zehn Jahre in psychiatrischen Anstalten, von 1942 bis ’46 hielt er sich in einer solchen Einrichtung in Rodez auf, wo er u.a. mit Elektroschocks behandelt wurde (Anm.d.Übers.).
3 Van Gogh, le suicidé de la société, 1947 – dt: Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft, 1977 (Anm.d.Übers.)
Paris, 23. September 1959
(Tag vor der Beisetzung Benjamin Pérets)
Übersetzung: H. Becker |