Alphonse Allais (1854–1905)

Ein sanfter Rebell / Mein Debüt als Journalist

I

n einem Gedicht von Jacques Prévert, das den Titel »An Alphonse Allais« trägt und das eine Art Huldigung an den großen Humoristen des französischen Fin de siècle und der belle Epoque darstellt, stehen die Verse: »Alphonse Allais trieb sein Spiel mit dem Leben / wie Kinder mit der Idiotie / An seiner Wiege hatte die Fee von Honfleur ihn feierlich gefragt / Wirst du ein ernsthafter mensch sein / Alphonse Allais / Niemals Madame / niemals / hatte das Kind der Fee erwidert / Das ist aber schlimm sehr schlimm wie du weißt / hatte darauf die Fee gesagt und die Tür zugeknallt / Ich weiß / ich weiß liebe Fee der liebe Gott soll Sie holen«

Dieser respektlose, ganz und gar unfromme Alphonse Allais ist 1854 in der normannischen Hafenstadt Honfleur geboren – am gleichen Tag wie Arthur Rimbaud übrigens. Nach einer ziemlich verbummelten Schulzeit wird er Volontär in der väterlichen Apotheke, in deren Labor er sich den »Ernst des Lebens« und seine düsteren Phantome mit extravaganten pyrotechnischen Spielereien vom Leib zu halten sucht. Bald lernt er einen anderen passionierten Tüftler und Amateurgelehrten kennen, den Dichter Charles Cros, der neben allerlei anderen technischen nuerungen noch vor Edison den Phonographen erfunden hat und der sich nun zusammen mit Allais an der synthetischen Herstellung von Edelsteinen und an der Entwicklung der Farbphotographie versucht.

Diese Leidenschaft Allais’ für technische Erfindungen und mehr oder minder ausgefallene wissenschaftliche Forschungen findet später ihren Niederschlag in zahlreihen literarischen Texten, wo er dieses Gebiet jedoch – wenn auch mit gespieltem Ernst – ganz von der humoristischen seite behandelt, weil er sich über den technischen Fortschritt und die inbrünstige Fortschrittsgläubigkeit seiner Zeit, die geradezu eine Ersatzreligion ist, nach Kräften lustig macht. Es ist in diesen Texten, hinter deren Heiterkeit sich die subtil subversive Haltung eines Rebellen – eines sanften Rebellen – verbirgt, von höchst sonderbaren Erfindungen die Rede: etwa von einem Schießeisen, bei dem die Kugel durch eine Nähnadel ersetzt ist, die fünfzehn oder zwanzig Mann durchbohren kann und sie gleichzeitig auffädelt, schnürt und bündelt; von wandernden Fischen, welche die Brieftauben ablösen sollen; von Aquarien aus Milchglas für schüchterne Karpfen; von der Verstärkung der Leuchtkraft der Glühwürmchen (ein frühes Beispiel zur Entwicklung alternativer Energien); von einem Korkenzieher, der sich dank der Kraft der Gezeiten dreht, und von zahlreichen anderen ingeniösen Projekten.

1872 geht Allais nach Paris und arbeitet dort zunächst weiterhin als Apothekengehilfe. Während seines Militärdienstes, so wird berichtet, entwickelt er eine fast geniale Begabung zur Drückebergerei. Zurück in Paris, stürzt er sich in Bohèmeleben, beendet bald seine pharmazeutische Laufbahn und wendet sich ausschließlich der Literatur zu. In dieser aufmüpfigen Frühphase des Symbolismus gründet er verschiedene literarische Zirkel oder »Schulen«, darunter die der »Unsicheren Kantonisten« oder der »Struwwelpeter«, eine Gruppe von Künstlern, die ihren Protest gegen die zunehmende Mechanisierung der Welt und die wachsende Verbürgerlichung des Lebens unter anderem durch das Tragen langer Haare zum Ausdruck bringen. In dieser Zeit »komponiert« Allais auch einen Trauermarsch – aber ohne Musik, weil er der Meinung ist, der Schmerz über einen Dahingegangenen äußere sich stumm.

Später erfindet er, lange vor Malewitsch, die monochrome Malerei mit Bildern wie »Schwarzer in einem Tunnel« und »Weißer im Schnee«. 1881 arbeitet er an dem damals europaweit berühmten Kabarett »Le Chat Noir« (Der Schwarze Kater) mit und schreibt Geschichten und Artikel für die satirische Wochenzeitschrift gleichen Namens, die er einige Jahre danach als Chefredakteur leitet. In der gleichen Eigenschaft wird er später für die humoristischen Blätter Le Journal und Le Sourire (Das Lächeln) tätig sein.

Das Publikum findet großen Gefallen an Allais’ Miniaturen, die virtuos mit allen Möglichkeiten der Sprache und der Form spielen. Aus dem chemiebesessenen Feuerwerker der väterlichen Apotheke ist ein großer Pyrotechniker der humoristischen Literatur, Abteilung Kurzgeschichte, geworden. 1891 legen Allais’ Freunde zusammen, um ihrem »Alphi«, wie sie ihn nennen, die Veröffentlichung seiner ersten Textsammlung in Buchform zu ermöglichen. Sie trägt den Titel À se tordre (Zum Kringeln) und wird ein großer Erfolg: Die Überschrift verheißt wirklich nicht zuviel. Danach erscheint durchschnittlich jedes Jahr ein neues Buch mit skurrilen Geschichten, wunderlich-frechen Betrachtungen und höchst erstaunlichen technischen Verbesserungsvorschlägen des literarischen Clowns mit den gütigen Augen und dem traurigen Gesichtsausdruck.

Die Auswahl für die jeweiligen Bände fällt Allais nicht schwer, denn er hat insgesamt über tausend humoristische Texte geschrieben. Wie er dies tat, hat Sacha Guitry in seinen Memoiren erzählt: »[Allais] schrieb allwöchentlich für das Journal und für Le Sourire. Donnerstags mußte er seine beiden Artikel abschicken. Er hätte sie sehr gut mittwochs schreiben können, aber er wartete bis Donnerstagabend, wartete bis zur letzten Minute. Dann setzte er sich in einen Winkel des Cafés, das der Post am nächsten lag, denn er arbeitete nie zuhause, und alle seine Geschichten hat er auf Briefpapier geschrieben. Sobald er seine beiden Artikel fertig hatte, steckte er sie, ohne sie noch einmal durchzulesen, in Umschläge und schickte einen Jungen los, der sie zur Post brachte.«

Alphonse Allais hatte siebzehn Bücher publiziert, als er 1905, nun bereits ein wenig zurückgezogen lebend und deshalb von der literarischen Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, in einem Pariser Hotelzimmer starb. Ein Literaturhistoriker schrieb unlängst:
»So verschwand der originellste Schriftsteller der humoristischen Literaur in Frankreich, der heiterste und der bissigste, dessen Erfindungsreichtum nie wieder übertroffen worden ist.« Danach vergaß man Alphonse Allais; jahrzehntelang verstaubten seine Humoresken ungelesen in den Bibliotheken. Erst die Surrealisten, die eine besondere Begabung für die Wiederentdeckung zu Unrecht vergessener Schriftsteller und Künstler besaßen, zogen Allais in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts wieder ans Licht, und seither hat »Alphi« den Platz in der neueren französischen Literaturgeschichte inne, der ihm gebührt. Als André Breton 1940 in seiner berühmten Anthologie des schwarzen Humors eine Art Ahnengalerie präsurrealistischer Rebellen zusammentrug, nahm er auch den Verfasser von À se tordre in sein Pantheon auf. Breton schrieb: »Wenn zwischen [Allais] und den ungleich schädlicheren Autoren, die dieser sammlung ihr Gepräge geben, trotz allem ein verwandtschaftliches Verhältnis besteht, so weniger wegen des hellen und fast immer frühlingshaften Inhalts seiner Geschichten, bei denen selbst das Aroma selten bitter ist, als vielmehr wegen der Findigkeit, mit der er der kleinbürgerlichen Dummheit und Selbstsucht, die zu seiner Zeit kaum noch zu überbieten waren, in ihren tausend Erscheinungsformen zu Leibe gerückt ist. [...] er versteht sich ausgezeichnet auf ein Verfahren, das bis dahin fast unbekannt war, die Mystifikation. Diese wird, so darf man sagen, von [Allais] in den Rang einer Kunst erhoben: Es handelt sich dabei um nichts Geringeres, als mit zahllosen Scheingründen einen Geistesterror zu erproben, der den Menschen ihren mittelmäßigen, fadenscheinigen Konformismus vor Augen hält, das ungeheuer beschränkte Gesellschaftstier in ihnen aufscheucht und es fortwährend piesackt, indem er es nach und nach aus der trauten Welt seiner schmutzigen Interessen herauslöst.«

Heribert Becker

Mein Debüt als Journalist

A

ls ich, von den Schändlichkeiten dieser Priesterschule zutiefst angewidert und fest entschlossen, den geistlichen Stand zu verlassen, den meine Eltern für mich ausersehen hatten, es endlich zuwegebrachte, aus der besagten Anstalt zu entweichen, ragte rauh und trostlos das Problem des Geldverdienenmüssens vor mir auf.

Ich trug einen kleinen Notgroschen mit mir herum, bei welchem das Kupfer eine wesentlichere Rolle spielte als das Silber und aus dem Gold und Papier wie zum Spaß ausgeschlossen zu sein schienen.

Ein Freund aus Kindertagen, der mir über den Weg lief, wußte Rat:

»Ich kenne da einen Druckereibesitzer, der ein kleines Lokalblatt gründen möchte; sein fast völliger Mangel an Orthographiekenntnissen veranlaßt ihn, einen Redakteur mit – wie Laurent Tailhade sagte – ein wenig humanistischer Bildungsstaffage einzustellen. Wärest du willens, dieser Mann zu werden?«

»Ich bin genau der Mann für diese Stelle, verlass’ dich drauf, ich werde the right man in the right place sein.«

»Dann komm’ mit, ich werde dich vorstellen.«

Der besagte Mensch war geradezu eine Seele von Druckereibesitzer,eine Frohnatur mit dickem, angegrautem Schnauzbart. Der Empfang bei ihm war reizend.

»Eine vermischte Nachricht, eine einfache vermischte Nachricht, könnten Sie so etwas schreiben?«

Ich zuckte innerlich mit den Achseln.

Doch der weitblickende Typograph stieß nach:

»Ja, eine Lokalnachricht, aber nicht so eine, wie man sie in den Käseblättchen in der Provinz zusammenpfuscht. In meiner Zeitung will ich Lokalnachrichten, die nicht denen der anderen ähneln.«

»Möchten Sie, daß ich Ihnen eine Probe liefere?«

»Aber gern. Da, setzen Sie sich an meinen Schreibtisch und bringen Sie uns zwei Dutzend Zeilen mit der Überschrift Unvorsichtigkeit eines Rauchers zu Papier.«

Keine fünf Minuten später überreichte ich ihm meinen Artikel:

Unvorsichtigkeit eines Rauchers

Soeben ist die Gemeinde Montsalaud zum Schauplatz eines traurigen Dramas geworden, zu dem es infolge der Unvorsichtigkeit eines Rauchers kam.

Ein Herr D., Holzschuhhändler von Beruf, befand sich gestern abend gegen zehn Uhr auf dem Rückweg zu seiner Wohnung, wobei er eine angezündete Pfeife im Munde führte, aus der unablässig kleine Funken herausfielen.

Als unser Mann das kleine, im Besitz von Frau Marquise de Chaudpertuis befindliche Tannengehölz passierte, bedachte er nicht, daß ein einziges Fünkchen die am Boden herumliegenden Tannenzapfen und trockenen Zweige in Brand setzen konnte.

Er sog also weiter an seinem Pfeifchen, als ihm plötzlich ein Schrei entfuhr.

Am Wegrand lagen, eng umschlungen und vor Kälte zitternd, zwei arme, etwa zwölf Jahre alte Kinder und schliefen.

Herr D., ein herzensguter Mensch, weckte die Kleinen und half ihnen, ein gutes Feuer aus dürrem Reisig zu machen, das sie ein wenig wärmte. Dann ging er seines Weges.

Leider hatte er das Feuer nicht gut genug angefacht, denn es ging bald wieder aus.

Heute morgen wurden die Leichen der beiden armen Kinder gefunden; sie waren erfroren.

»Trefflich, trefflich!« rief mein neuer Arbeitgeber. »Das nenne ich eine vermischte Nachricht! Schlagen Sie ein, junger Mann!«

Wie heute jedermann weiß, bin ich sogar ganz gut eingeschlagen, nicht wahr?


Aus Alphonse Allais: Der Radschah langweilt sich! Humoresken, 1984
Aus dem Französischen von H. Becker

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